Ich Narr

Ich bin ja ein alter Sack. Ich meine alt in dem Sinn, dass ich mich noch an schlechtere Zeiten erinnern kann. Zeiten, zu denen das Brötchen beim Becker Thomschke auf der Eugen-Eugen-Richter-Straße schlapp 5 Pfennjge gekostet hat, Ost-Pfennige. Gern erwähne ich heutzutage Bäckerei-Fachverkäuferinnen das einschlägige Preisgefüge von damals: n Pfannkuchen 20 Pfennige, mit Pflaumenmus gefüllt. N Mohnstreifen 17 Pfennige, Streuselkuchen nur mit Streuseln und puderzuckerüberpudert, selbige 17 Pfennige. Wer es mit Konditor-Creme haben wollte, bitteschön, dann aber 24 Pfennige. Variante gefällig, überdies Friedrich-Engels-Straße gewechselt, an der Ecke beim Bäcker Schellhase auch 24 Pfennige aber das Kuchen-Rund ein Kleinwohnung großzügiger geteilt. Der Kameruner – das Wort Dekolonialisierung war damals nicht geläufig, obwohl einem in der Schule vom afrikanischen Jahr berichtet wurde – beim Thomschke? 13 Pfennige. Zum selben Preis das Martinshörnchen, ganzjährig. Es war nicht das Paradies, aber es schien so, ein wenig. Die Damen lächeln heutzutage milde dazu wenn sie mir zu meinen Erläuterungen den Pfannkuchen für 1,95 Euro verkaufen, kein Pflaumenmus, Mehrfruchtmarmelade. Was seinerzeit als schlechter Ersatz galt.

Madame pufft mich immer verbal, wenn ich die Euro-Preise in Ostmark-Preise umrechne – 1,95 Euro werden dann mit 3,90 D-Mark umgerechnet und die, gut gegen Ostmark 1:4 getauscht, werden auf 16 Ostmark gerundet. Das ist im Grunde immer ein unbefriedigender Gedankengang. Warum mich das immer beim Bäcker oder in nem Back-Shop mit Selbstbedienung überfällt? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es Sentimentalität. Volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich betrachtet ist es purer Nonsens. Das weiß ich selbst.

Ich mache es ja nicht, wenn ich ausgesprochen heutige Produkte kaufe. Etwa einen Flachbildschirm-Fernseher, 56 Zoll Bilddiagonale für seinerzeitige reichliche 2000 Euro. Rechnen sie mal 2000, 4000, 16000 – das hört sich unanständig an, wenn ich es mit nem Schwarz-Weiß-Fernseher der Marke Rafena Turnier, 47 Zentimeter Bilddiagonale für knapp reichlich 1200 Ostmark auf die Hacke. Manche Dinge kann man nicht ernsthaft in ein Sinn ergebendes Verhältnis setzen. Nicht nur wegen des wisschaftlich-technischen Fortschritts, der in einem heutigen Produkt steckt. Ich wage aber eine Vermutung vieles von dem, was hierzulande vor 1989 verkauft wurde, wäre heute noch zu gebrauchen, wenn… Und da fällt mir das Wort moralisch verschlissen ein, das mit dem Wort wissenschaftlich-technischer Fortschritt verknüpft ist. So, wie der Gedanke das Neue ist der Feind des Alten verknüpft ist mit dem Gedanken das Bessere ist der Feind des Guten. In dieser Welt können das Alte und das Neue nebeneinander existieren. Wer Altes halten will, kann das.

Das fällt mir wieder ins Gedächtnis angesichts der Tatsache, dass ein Tech-Konzern jüngst wieder neue Haben-Will-Dinge präsentiert hat. Ein Funktelefon zum Falten. Neue Telefone zum noch schnelleren Telefonieren und Fotografieren und eine noch bessere Armbanduhr. Jedes Teil für sich besitzt mehr Speicher- und Rechenleistung als 1989 das Daten- und Rechenzentrum das Oberkommando der Vereinten Streitkräfte der Vertragsstaaten des Warschauer Pakts. Doch, doch, Fortschritt gibt es. Jedoch ertappe ich mich bei Überlegungen, ob der Fakt, dass ich, wenige Jahre nachdem ich eine Uhr, ein Telefon gekauft habe wieder enteignet werde, indem das jeweilige Betriebssystem nach einem gewissen Datum nicht mehr gepflegt wird, nicht eigentlich gegen diese Art Fortschritt spricht. Ich habe eine gewisse Zahl veralteter Telefone in einer Schublade, von denen ich bei deren Kauf annahm, die Features der Geräte sprächen dafür, dass ich mit deren jeweiligem Kauf endversorgt sei. Ich Narr, ich habe mir ja auch gemerkt, was ein Kameruner beim Bäcker Thomschke auf der Eugen-Richter-Straße gekostet hat. Ich muss mich irgendwie davon frei machen.

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