Der Modell-Ossi

Ausrasten ist typisch ostdeutsch, kann ich sehen, wenn ich in den Spiegel schaue. Und ausgerechnet in einer Fleischerei soll ein Ostdeutscher gezeigt haben, dass ihm die Freiheit Wurscht ist. Warum führt er demokratieabträgliche Reden nicht beim türkischen Friseur? Warum nicht beim Italiener oder hier in Erfurt im Russischen Hof?   Nur damit das sprachliche Bild eingänglicher ist?!

Mit Ossi-Bashing startet eine Hamburger Streitschrift zum Tag der Deutschen Einheit. Dann kommt ein wenig Massenerfahrungspsychologie und die nicht ganz zutreffende Schilderung der DDR-Wirklichkeit. Bonzen hätten da genug bereit gestandenen, greifbar als Kümmerer aber auch angreifbar mit Hohn und Spott. Staat und Gesellschaft seien einander nah gewesen.

Das alles schleppt der Ossi 26 Jahre nach der deutschen Einheit mit sich herum und sei – derartig geprägt – darob verstört, dass die Kanzlerin, anders als die sich kümmernden allgegenwärtigen DDR-Mächtigen kühl sei, berechnend und darob, dass sie nur Gefühl gezeigt habe als sie Flüchtlinge herzte. Darauf sei der Ossi neidisch.
Ich kann nicht erkennen, wo in der Charakterisierung des Ossis die Generation der später Geborenen ist, deren persönliche Bekanntschaft mit DDR-Oberen sich auf ihre Krippenerzieherin beschränkt, auf ihre Kindergärtnerin, die Lehrer, Lehrausbilder und vielleicht noch auf indoktrinierende Pionierleiter und FDJ-Sekretäre. Welchen Schaden haben sie genommen, der nicht in 26 Jahren deutscher Einheit hätte kuriert worden sein können.

Der Modell-Ossi aus Hamburg dürfte nicht einmal  all die angemessen beschreiben, die die DDR voll mitbekommen haben.

Er muss aber ausreichen, um am Ende den Aufstieg einer von West-Professoren geschaffenen Partei zu erklären, die derzeit die politische Landschaft mit unappetitlichen Mitteln aufmischt. Ich wage einmal die steile These, dass diese Partei noch immer den Euro als Hauptfeind hätte und in den neuen Ländern weniger erfolgreich gewesen wäre, wenn nicht Zugereiste dem unzufriedenen, sich nicht wahrgenommen wähnenden Ossi gezeigt hätten, was eine andere Partei neuen Tps ist. Die derzeitige Bundesvorsitzende, gut eine Sächsin. Der Brandenburger Verband wird repräsentiert von einem früheren hessischen Spitzenbeamten und Journalisten. Gut, auch der mit sächsischen (sic) Wurzeln und sogar Abitur an einer EOS von 1959. Aber dann Jura-Studium in Marburg. Die Thüringer Spitze der Führungsspitze ein Gymnasiallehrer aus Hessen. Zwei seiner Stellvertreter in der Landtagsfraktion stammen aus Lüdinghausen (NRW) und Herten (NRW). Wer hat die in ihrem Leben dermaßen getückt, dass sie sich zurückgesetzt fühlenden Ossis in dieser Partei voranmarschieren?

Abgewandert

Es gab im Bundestag mal einen Abgeordneten Wüppesahl. Der war als ein Grüner ins Parlament eingezogen und verließ es 1990 als fraktionsloser Abgeordneter. Sein Leben danach war geprägt von mehr als den üblichen Aufs und Abs einer Vita. Wer erinnert sich an ihn. Keiner. Bei den Grünen mancher, der mit ihm seine politische Karriere gestartet hat und noch heute als Politiker unterwegs ist.

Einem vielversprechenden Start folgte ein Rausschmiss aus der Fraktion. Der Grund dafür: Wüppesahl war wegen, wie es heißt, Streitereien über die grüne Programmatik aus der Partei ausgetreten. Er brachte das Parlament vor das Bundesverfassungsgericht, weil er sich durch Beschlüsse des Bundestags in seinen verfassungsmäßigen Rechten als Abgeordneter beschänkt sah. Wüppesahl bekam in Karlsruhe teilweise recht. Die Grünen hielten den umtriebigen Mann aus. Sie mussten ihn aushalten, obwohl er sie in jedem seiner mehr als 100 Redebeiträge im Plenum daran erinnert haben mag, was er für die Fraktion hätte bewirken können.

Die Union hingegen fürchtet den Rausschmiss ihrer eklig-rechten Abgeordneten Kudla, die aus München kommend über Leipzig den Weg nach Berlin nahm und die Flüchtlingspolitik der schwarz-roten Bundesregierung mit dem Naziwort Umvolkung belegte. Das Wort hat seit dem Untergang des Nazireiches wohl kein Verantwortung tragender deutscher Politiker in der öffentlichen Debatte gebraucht.

Anfangs wollte die Bundes-CDU die Bedeutung des Nazi-Tweets mit Hinweis auf die Privatheit derartiger Internet-Verlautbarungen abtun. Es dauerte reichlich eine Stunde bis jemand Wichtigeres munter wurde und die Wortmeldung verurteilte.

Das Karussell hat sich weiter gedreht und es heißt mittlerweile, Frau Kudla habe den Eintrag mit Entschuldigungsabsicht gelöscht. Entschuldigt hat sie sich nicht. Nicht bei den Mitgliedern ihrer Landesgruppe, nicht bei den Fraktionsmitgliedern, von der Öffentlichkeit zu schweigen. Was im Umkehrschluss heißt, sie hält daran fest.

Die Fraktionsspitze will augenscheinlich den Druck auf Frau Kudla vermindern, sie könnte ja nach dem Knall bei der AfD landen. Da ist Frau Kudla aber schon.

Pfusch am Bau

„But the times, they are changing“, singt Robert Zimmermann aka Bob Dylan. Recht hat er. Möge ihm dieses Jahr der Literatur-Nobelpreis zuteil werden.

Doch im Wandel über die Zeiten gibt es stabile Inseln. Erfurts Pech mit Großbauten zum Beispiel, die dem Wunsch eines wichtigen Mannes folgend, in Angriff genommen wurden.
So gab es mal einen Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung, der hielt es der Bezirksstadt für nicht angemessen, dass es keinen ordentlichen Kongressbau gab. Nur die olle miefige Thüringenhalle. Nicht zuvörderst für Treffen von Wissenschaftlern oder anderen Experten, wollte Gerhard Müller bauen lassen. Er hatte den Blick auf die regelmäßig abzuhaltenden Bezirksdelegiertenkonferenzen der einst führenden Partei gerichtet. Ein Platz dafür war rasch gefunden, am Hirschgarten. Störende Hornzien waren rasch abgerissen, die fleißigen Bauarbeiter gruben sich in’s Erdreich.  Als der Grundstein gelegt werden sollte, weigerte sich der Wirtschaftsoberlenker Günter Mittag aus Berlin anzureisen.  In den Berliner PLanumhen  hatte der Bau keinen Platz. Der SED-Bezirkschef meinte, mit „bezirklichen Miteln“ auszukommen. So wurde kein Grundstein gelegt und dem Bau fehlte die notwendige Gründung.

Eine schwedische Firma, so raunte man sich zu, sollte das Kongresszentrum errichten. Die Schweden kamen nicht. Lange huschten die Erfurter deshalb an Wellblechzäunen vorbei hinter denen sich nichts tat. Lange blieb die Baustelle eine Investruine bevor eine Firma für Gesellschaftsbauten aus Buttstädt weiterwerkelte. Projektierte Kapazität etwa 2500 Personen, soviel, wie an den Parteitreffen teilnehmen würden. Gastronomische Kapazität gegen Null tendierend.

Die Wende machte den hochfahrenden Plänen des  einzelnen Mannes ein Ende. Es dauerte noch einige Zeit, bis der Beton gewordene Herrschaftsanspruch abgebrochen und die Baugrube verschlossen wurde. Der Hirschgarten ist wieder ein schöner Platz vor der kurmainzischen Statthalterei.

Viele Jahre später sagte der Mitleid provozierende lokale Fußballklub Rot Weiß Erfurt sein Eröffnungsfest in der Multifunktionsarena ein weiteres Mal ab. Wie es scheint, liegt auch auf diesem Erfurter Großprojekt kein Glück.

Von Kakao und einer Belehrung

Manchmal wünscht man sich, dass im Parlament bestimmte Sätze nicht gesprochen worden wären. Heute war so ein Tag.

Und wieder kam der Satz von der Parlamentarischen Geschäftsführerin der Grünen. Die meinte, unbedingt einen AfD-Abgeordneten über die parlamentarischen Abläufe belehren zu müssen. Er hatte in seiner Rede unter anderem dazu aufgerufen, für die Einsetzung des Untersuchungsausschusses zur Sohnemann-Affäre zu stimmen. Die Grüne hob zu Beginn ihrer Rede zum vernichtend gemeinten Urteil an, der Afd-Mann wisse nicht Bescheid, wenn er dazu auffordere „irgendetwas zuzustimmen, was gar nicht abgestimmt wird.“ Die Abgeordnete zitierte noch den Erich Kästner-Spruch vom Kakao und vom Kakao nicht trinken und vom tief Sinken.

Schade nur, dass die Parlamentarische Geschäftsführerin irrte. Es wurde über den AfD-Antrag „Möglichen Amtsmissbrauch der Thüringr Landesregierung beenden“ abgestimmt.  Der wurde abgelehnt. Danach verfuhr der Landtag nach dem Thüringer Untersuchungsausschuss-Gesetz, das im Paragraph 2 regelt: „Ein Untersuchungsausschuss wird auf Antrag durch Beschluss des Landtags eingesetzt.“

In einer Replik reagierte der AfD-ler genüsslich, die Grüne kenne sich wohl bei Erich Kästner aus aber nicht in den Geschäften des Landtages. Hätte sich doch die Grüne bloß nicht zur Belehrerin aufgeschwungen.
So verschaffte sie dem der Unwissenheit Geziehenen einen billigen Sieg auf offener parlamentarischer Szene.

Jetzt wird untersucht

Nun also hat die Thüringer CDU ihren Untersuchungsausschuss zur Sohnemann-Affäre und es sei gleich zu Beginn darauf hingewiesen, dass es nicht länger der ihre ist. Im Antrag der Fraktion auf Einsetzung des Ausschusses, konnte die CDU noch voll ihre Sicht auf die Problemlage ausbreiten. Diese Hoheit über das Thema hat sie gestern abgegeben.
Vorbehaltlich seiner Konstituierung gibt es jetzt ein weiteres Gremium des Landtags und das ist den Mehrheiten im Parlament unterworfen. R2G hat derzeit die Mehrheit inne. Die Koalition machte schon in der Aussprache vor der Abstimmung klar, wie sie den Ausschuss nutzen würde.
Der Fragenkatalog, der  zur Aufdeckung der Wahrheit zu erarbeiten und abzuarbeiten sein wird, wird mit dem CDU-Fragenkatalog nicht deckungsgleich sein. Dafür wird die Mehrheit im Ausschuss schon sorgen. Mögen der Abschlussbericht nah an der Wahrheit sein.
Man kann für die CDU nur hoffen, dass sie beim parlamentarischen Ringen darum, welche Fragen an den Justizminister (Grüne), die Kultusministerin (Linke) und den Staatskanzleichef (Linke) sowie deren Aktentaschenträger zu stellen sein werden, erfolgreicher agiert, als der Abgeordnete, der in seiner Rede zur Begründung des Antrags doch tatsächlich vom Rednerpult aus die rethorische Frage stellte, ob der Untersuchungsausschuss denn nötig sei? Nein und dahinter ein riesiges Ausrufezeichen, schallte es aus der Linke-Fraktion in die befremdlich platzierte Redepause.
Diese Merkwürdigkeit auf Seiten der Antragsteller wurde getoppt von Merkwürdigkeiten auf Seiten der Antragsgegner. Von der Linken wurde gefragt, wie denn der Vorgang in die Öffentlichkeit gelangen konnte und wer eventuell die Medien dazu informiert haben könnte. Wenn noch vermutet werden kann, dass das Thema an der Erfurter Schule des Ministersohnes nicht so heimlich behandelt wurde, wie auf der Ebene der Elterngeneration, so kann man doch ganz gewiss sein, dass die Koalition komplett falsch läge, wollte sie sich aussuchen, welche Whistleblower ihr gefallen und welche nicht, um einmal das Globale auf das Thüringische herunterzubrechen.
Nicht die CDU ist schuld daran, dass ein Volljurist einen Antrag auf der Basis einer Regelung gestellt hat, die erkennbar für seinen Sohn nicht anwendbar war. Nicht die Union ist schuld daran, dass der Minister, nachdem der Vorgang öffentlich geworden war, tagelang taktierte und lavierte  und so tat, als sei alles rechtens, und er habe ja nur  wie jeder andere Vater als Vater gehandelt und nur die anderen hätten sich geirrt. Nicht die Opposition  ist schuld daran, dass mindestens drei Kabinettsmitglieder sich ungeschickt auf ein dünnes Brett laviert haben

Die Koalition ist Schuld an der Misere. Die CDU musste die Brocken nur auflesen.

 

 

 

 

Polit-Courths-Mahler

Manchmal mag man sich darüber wundern, wie Landespolitiker die Welt um sich herum wahrnehmen und mehr noch darüber, wie sie ihre Eindrücke wiedergeben. Und das sogar in einer Pressemitteilung gleich dreier Landtagsfraktionen.

Dass es um die Multifunktionsarena in Erfurt denkbar schlecht steht, dürfte auch dem letzten Fan dieses eigenwilligen Prestige-Projektes eines ehemaligen SPD-Wirtschaftsministers aufgegangen sein. Das Projekt, mit Tourismusfördermitteln gepäppelt, kommt nicht recht vom Start – warum will verbindlich offenbar keiner der Verantwortlichen wissen. Es könnte ja sein, dass man mit dem Generalauftragnehmer vor Gericht ziehen müsste und dabei die eigene Unfähigkeit vor einem unabhängigen Richter ausgebreitet würde. Was musste nach dem Baustart nicht alles umgeplant und nachfinanziert werden.
Und nun treiben die Bauverzögerungen den Betreiber in Richtung Insolvenz. Der Minderheitsteilhaber der Arena Erfurt GmbH, die Erfurter Messe, ist eine Landestochter und im Landtag und der Landesregierung ist man offenbar Willens, dem schlechten Geld Geld hinterher zu werfen. Das Eigenkapital der GmbH soll erhöht, Rücklagen sollen gebildet gebildet werden.

Doch was tun die Kontrolleure der Landesregierung? Auch die Mitglieder der Koalitionsfraktionen sollten sich in dieser Funktion sehen. Die R2G-Abgeordneten hauen durch das Schuldendickicht ein Loch, durch das frisches Geld fließen soll. Dass sich der Wirtschaftsausschuss des Landtages damit beschäftigte, ist das Mindeste. Danach, verbreitete die Expertin der SPD-Fraktion in einer Pressemitteilung: „Die Messe Erfurt hat sich seit den Neunzigerjahren gut entwickelt. Das zeigt die Entwicklung der Besucherzahlen.“

Mehr Realitätsverweigerung geht wohl nicht.

Glaubt sie das wirklich? Kann die Frau Bilanzen lesen? Die Messe schreibt seit Jahren zweistellig rote Zahlen. Das müsste auch in der SPD-Fraktion bekannt sein. Vor und nach der Träumerei der SPD-Abgeordneten steht Polit-Courths-Maler von zwei weiteren hoch bezahlten Landespolitikern, dass es einen graust.

Weil man meint, das Projekt Multifunktionsarena auf Teufel komm raus verteidigen zu müssen, wird es gar von den Grünen als integraler Bestandteil der Thüringer Wirtschaftspolitik gedeutet. Ist die dann an einem wichtigen Punkt gescheitert, wenn die Multifunktionsarena in ihrer geplanten Form doch nicht zu retten ist?!

Auf Suche

Was haben wir doch für ein Glück mit unseren Staatsoberhäuptern. Das erste, der König von Preußen weigerte sich bis kurz vor seiner Ausrufung, das ihm angetragene Amt des Kaisers zu übernehmen. Deutscher Kaiser, Kaiser von Deutschland, er wollte eigentlich nichts von alledem sein. Nur König von Preußen sein. Es wurde unter Königen, Fürsten, Großherzögen und Herzögen seinerzeit viel gekungelt vor der Reichseinigung. Nach der Proklamation in Versailles wurde einfach ein Hoch auf Kaiser Wilhelm ausgebracht. Und aus die Maus.

Um das nächste deutsche Staatsuberhaupt wird ebenso gekungelt seit Joachim Gauck mitteilte, er habe andere Pläne als eine zweite Amtszeit.

Die derzeit regierenden Parteien gingen sogar soweit, ihm anzutragen, er solle sich noch einmal wählen lassen. Nach der Hälfte der Amtszeit könne er ja abdanken und Schwarz-Rot würde ihm darob nicht übel nachreden. Das wäre nach dem zurückgetretenen Horst Köhler und dem ohne triftigen Grund aus dem Amt getriebenen Christian Wulff aber ein drittes abbrechendes Staatsoberhaupt. Zuviel davon.
Es folgten kurz rot-rot-grüne Überlegungen und schwarz-grüne ebenso, weil ja die Präsidenten-Kürung auch ein Signal für kommende neuartige Regierungsbündnisse sein kann. Dabei hätte ein schwarz-grüner Kandidat oder eine schwarz-grüne Kandidatin zahlenmäßig ausreichende Chancen, ein rot-rot-grüner nur im dritten Wahlgang. Die AfD hat die Mehrheitsverhältnisse in der 1260 Personen starken Bundesversammlung ordentlich durcheinandergewirbelt.

Namen kursieren bereits von den üblichen Verdächtigen wie Ursula von der Leyen über Baden-Württembergs grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zur SPD-Familienministerin Manuela Schwesig bis hin zum Autor Navid Kermani. Aber wer will schon als zweite Wahl in ein Rennen geschickt werden, das andere schon abgesagt haben?!
Nun wird eine weitere Volte – wieder hin zu einem schwarz-roten Kandidaten – gemeldet. Das würde eine erfolgversprechendere Ausgangslage schaffen als alles andere. Aber irgendwie getrieben wirken die Parteien schon und sie sind selbst schuld daran.

Mindestens schäbig

Lernen Politikerinnen nicht durch Beispiel? Verfügen sie nicht über die Gabe, die selbst kleine Mädchen besitzen?
Genau das Antwortmuster, das AfD-Chefin Frauke Petry jetzt auf eine Frage des Stern für angemessen hielt, stoppte  im Juli die britische Konservative Andrea Leadsome auf ihrem Weg ins Amt des Premierministers. In einem Interview mit der Times, meinte sie herausstreichen zu müssen, dass die Kinderlosigkeit ihre Kontrahentin Theresa May zur schlechteren Premierministerin machen würde. Es folgte ein bedauernswerter, aggressiver Versuch eines Dementis. Doch Leadsome war aus dem Rennen. Theresa May wurde danach mangels Bewerbern von den Konservativen quasi per Aklamation zur Premierministerin ausgerufen.

Nach dieser Episode in einer für die Briten schwierigen Zeit hätte man vermuten können Leadsomes Ungeschicklichkeit –  vielleicht war es auch Rücksichtslosigkeit – wirke abschreckend. Nicht so in Deutschland, nicht so bei der AfD. Deren Vorsitzende behauptete, die Kinderlosigkeit der Kanzlerin sei einer der Gründe für deren falsche Politik. „Kinder veranlassen einen, über den Lebenshorizont hinaus zu sehen. Und das tut Merkel eben nicht“. Für diesen Satz wird sich Petry noch entschuldigen müssen, wenn er auch ihrem Weltbild entspringt.
Man muss ja nicht mit Merkels Politik einverstanden sein. Man kann sie ja wegen ihrer Politik hart angreifen. Man kann ja auch einen anderen Lebensentwurf für sich gefunden habend. Man muss Merkel nicht einmal mögen. Doch einer Frau vorzuwerfen, sie sei aus welchen Gründen auch immer kinderlos – und mithin verantwortungslos – ist mindestens schäbig. Niemand sollte sich dünken, vier Kinder machten ihn zum besseren Politiker. Achtung, jetzt kommt eine ganz spitze Frage: Joseph Goebbels hatte sechs Kinder. Würde Frau Petry ihn für einen Politiker erachten mit schärferem Blick über den Lebenshorizont als Adolf Hitler, der nur einen Schäferhund hatte und nur einen Hoden?
Andrea Leadsome hat es zumindest noch an den Kabinettstisch in London geschafft.

Ein Hauch von Kreuth

Überschreitet Horst Seehofer die bayerische Grenze, tritt die CSU bei der Bundestagswahl deutschlandweit an? Gründet die CDU einen bayerischen Landesverband?
Das Dauerthema Flüchtlinge scheint den schwarzen Schwestern einen ernsthaften Trennungsgrund zu liefern. Der frühere Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz drängt die CDU-Bundesgeschäftsstelle schon zur Suche nach einer Büro-Immobilie in München, am besten  in der Nähe des Landtags. Die CSU könne durch die Ankündigung, einen eigenen Landesverband zu gründen, zur Vernunft gebracht werden. Polenz hat schon viel auf Facebook gepostet.

Manchmal wird die Lage in der Union mit dem November 1976 verglichen, als die frisch gewählten CSU-Bundestagabgeordneten die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufkündigten. Die Parteivorsitzenden hießen Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß. „Es ist mir egal, wer unter mir Kanzler ist“, hatte der einmal gesagt. Da konnte er noch nicht wissen, dass die Wahl verloren gehen würde.
Die CSU wollte damals tatsächlich nach CDU, SPD und FDP bundesweit als vierte Partei bei Wahlen antreten. Das kann ihr heute nicht mehr gelingen. Sie wäre die mittlerweile siebente Partei. Die Christsozialen  als Bundespartei würden es ohne Frage der AfD schwerer machen, Stimmen einzusammeln. Vielerorts hört man: „Ich würde Seehofer wählen, wenn ich nur könnte“.

Doch ist fraglich, ob die durch die CSU als bundesweiter Akteur veränderte Parteienarithmetik die Union insgesamt aufsteigen lässt. Nach wie vor sind CDU-Politiker davon überzeugt, die Union könne Bundestagswahlen nur gewinnen, wenn die CSU in Bayern absolute Mehrheiten erringt. Mancher von Ihnen sieht die durch einen bayerischen CDU-Landesverband gefährdet. Strafexpeditionen bergen halt die Gefahr, dass sie im Desaster enden.

Fragen

DD, MdB, Linke, hat einer humanistischen Eingebung folgend, einen jungen Afrikaner von Italien über die Schweiz nach Deutschland gebracht. Eine Halbweise, habe er, wie der Parlamentarier behauptet, zu seinem Vater gebracht. Im Kofferraum seines Autos. Man könnte das Menschenschmuggel nennen. Das provoziert Fragen.
Hätte DD es nicht bei dankbaren Blicken der Männer in aller Stille bewenden lassen sollen?

Musste er unbedingt um Publicity heischen?
Musste er hinausposaunen, schaut her, ich bin ein Guter, ich habe Schicksal gespielt und zwei Menschen glücklich gemacht?
Er wird im Nachgang sicherlich darauf verweisen, so die Debatte über den Umgang mit Migranten befeuern zu wollen. Doch, verträgt dieses emotional und moralisch aufgeladene Thema derartige Husarenritte?
Wird DD für den Unterhalt des Mannes aufkommen, wird er eine Bürgschaft übernehmen, so, wie es jeder Einladende tun muss, der Freunde oder Verwandte aus Staaten nach Deutschland holt, mit denen keine einschlägigen Verträge geschlossen wurden.
Kann sich DD daran erinnern, dass Flüchtlingshelfer wegen der nicht absehbaren Kosten für derartige Patenschaften im Grunde erfolglos geworben haben?
Wie wird die Strafe aussehen, die DD für den Gesetzesverstoß zu erwarten hat?
Reicht der Hinweis, der Gesetzgeber habe ja nicht aus Geldgier gehandelt, dass er im Falle eines Prozesses mildernde Umstände für sich beanspruchen darf.
Wäre es strafverschärfend, wenn DD, um auf Nummer sicher zu gehen, an der Deutsch-Schweizer Grenze seinen Diplomaten-Pass gezückt hat.