Freiheit der Lehre oder Freiheit von Lehre?

Erfurter Studierenden soll die Freiheit der Lehre  beschnitten werden. Zumindest laut Wortmeldungen aus der rot-rot-grünen Koalition, die 2015 die Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen für obsolet erklärt hatte. Nun an der Erfurter Uni Kommando zurück. Und das kommt so: Sechs Mitglieder des Senats haben dafür gestimmt, dass Studenten wieder nachweislich das tun sollen, wofür sie sich an der Universität immatrikuliert haben, studieren, mithin an Lehrveranstaltungen teilnehmen. Sieben Senatsmitglieder enthielten sich der Stimme. 
Die Mehrzahl der Studierenden empfand bei einer vorgelagerten Abstimmung auf dem Campus offenbar den drohenden Eingriff in ihre Lebensqualität entweder nicht für übermäßig unerträglich oder die Abstimmung darüber, ob sie das Mindestpensum an Studium absolvieren sollten oder nicht als schlichtweg nicht erregend. „Eine verpflichtende Teilnahme der Studierenden an Lehrveranstaltungen darf als Voraussetzung für die Zulassung zu Prüfungen nicht geregelt werden“, stand als Kompromissvorschlag zur Abstimmung. Anwesenheitspflicht sollte demnach nur bei Exkursion, Sprachkursen, Praktika, Projektgruppenarbeit, praktischen Übungen oder vergleichbaren Lehrveranstaltungen gelten.Von 5715 Studenten und Studentinnen beteiligten sich lediglich 1208 an der vom Studierendenrat organisierten Gewissenserforschung. 71,25 Prozent der Teilnehmer meinten, ihr Studium besser selbst organisieren zu  können. Sie lehnten den Kompromissvorschlag ab. Fällt nur mir dabei der Sinnspruch ein, dass man Frösche besser nicht danach fragt, ob ihr Teich trockengelegt werden soll?
„Nicht nur Krankheit, Ehrenamt, Elternschaft, Erwerbstätigkeit, Pflege  oder andere Verpflichtungen lassen gegebenenfalls Fehlstunden anfallen“, begründeten die Studierenden in einem offenen Brief an die Universitätsleitung ihre Ablehnung. Danach argumentierten sie mit selbstbestimmtem Lernen und der Eigenverantwortlichkeit der Studierenden, die zum Idealbild emanzipierter Studierender gehörten. Universitäre Lehre könne nicht auf Zwang aufbauen. Eine schöne mentale Vorbereitung auf dem Weg in die zwangsfreie Arbeitswelt
In dem Brief las man nichts davon dass Studierende mit ihrem Anspruch auch scheitern können, sich komplexe Wissensinhalte in Eigenregie aneignen zu können, und dass Wissen nur diskursiv vermittelt werden kann, wenn dem Hochschullehrer gut vorbereitete Diskussionspartner gegenübersitzen. Dabei klagen Hochschullehrer über ein steigende Zahl junger Menschen, die mit fehlenden Grundlagenkompetenzen für Sprache und Mathematik in die Hörsäle kommen. Diese notwendigen Kenntnisse, so eine Studie der Konrad Adenauer Stiftung, gelten immer weniger als Elementartechniken in der schulischen Bildung. Auch renommierte Hochschulen erteilten darum mittlerweile Brückenkurse in Mathematik – in zunehmendem Maße auch ein Erfordernis bei den Geisteswissenschaften – und nachholenden Schulunterricht wie Schreibberatung und Texterfassung und -Verständnis, heißt es. Und das bei einer steig den Zahl von Schülern mit gutem Abiturzeugnis.Etwas mehr als ein Drittel der an Universitäten Studierenden fühlt sich dennoch mit dem Wissenserwerb überfordert, während nur 13 Prozent sich unterfordert fühlen, stellte der 12. Studierendensurvey fest. 25 Prozent der Unternehmen, die sich von Hochschulabsolventen mit Bachelor- oder Masterabschluss in der Probezeit trennten, gäben als Hauptgrund an, den Absolventen mangele es an der Fähigkeit, ihre theoretischen Kenntnisse in die Berufspraxis umzusetzen. Ist angesichts dessen die unabdingbare Forderung nach selbstständigem, eigenverantwortlichem Lernen fern von Powerpoints präsentierenden, besserwisserischen Professoren nachvollziehbar? Freiheit der Lehre sollte nicht mit Freiheit von Lehre verwechselt werden.

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