Verschenken Sie keine Rolex

Man muss das eine schöne Coincidence nennen. Wenige Augenblicke nachdem die Grüne Bundestagsfraktionschefin im Fernsehen den Status der Superreichen daran festmachte, dass sie „ihren Gästen eine Rolex als Betthupferl auf den Nachttisch legen“, bekam Alan Harper in der Sitcom „Two an a half men“ eine Rolex geschenkt, eine Platin Rolex um genau zu sein. Von Norma Seabury, der um Jahrzehnte älteren Nachbarin seines Bruders. Ihr Ableben muss vermeldet werden, wenige Augenblicke nachdem sie Alan in ihrem Haus in Malibu verführt hatte. Oder sollte man sagen, ihn sich ihr zu Willen gemacht hatte? Die Liebesstatt als Totenbett. Aber ich schweife ab.

Nur dass man eine Rolex so nebenbei zu verschenken vermag, mehr wollte die Grüne auch auf Nachfrage nicht erhellen, ab wann die Grünen jemanden als Superreichen ansehen. Außer, dass in dessen Vermögen nicht mit der Vermögenssteuer eingegriffen wird, wenn der Superreiche Gewinne reinvestiert. Muss man sich darüber Gedanken machen, wenn den Superreichen mehr genommen würde, um zum Zusammenhalt der Gesellschaft beizutragen, wie das grüne Ziel formuliert wird?

Nach Angaben des Bundesfinanzministerium tragen die Einkommensbezieher jenseits der Grenze von 76400 Euro schon jetzt zu 55 Prozent zum Volumen der Einkommenssteuer bei. Da werden auch Superreiche dabei sein. Zieht man die Grenze weiter unten, bei 27800 Euro, kommt man auf 95 Prozent des Steueraufkommens. Die Superreichen könnten es verschmerzen, mehr zu bezahlen, so geht zumindest die Aussteifung des Wahlversprechens.

Und schon beginnen die Fragen? Reicht ein luxuriöses Geschenk tatsächlich aus, um den Schenker als Supereichen zu charakterisieren? Welches Maß wird an das Vermögen angelegt? Wie wird betriebliches Vermögen bemessen, wie privates? Wie lange dauert es, bis alle Vermögen und Vermögensarten verlässlich taxiert sind, länger als eine Wahlperiode? Würde die Steuer auch auf den Bestand erhoben, wenn nichts dazukommt, einmal oder jährlich? Hätte diese Steuer Bestand vor den Augen der Richter beim Bundesverfassungsgericht? Nicht alles, was Politiker sich wünschen, besteht die Prüfung des Lebens. Da hilft auch keine Rolex.

Wo sind die Zeiten hin, da man schon wusste, etwas ganz Besonderes zu sein, wenn man ein Werthers Echte geschenkt bekam?

Weg mit dem 82?

Thüringens Ministerpräsident und die ihn tragende Koalition machen sich stark für die Abschaffung des Finanzvorbehalts, der in jeder Landesverfassung das Haushaltsrecht des jeweiligen Landtages sichert. Einmal abgesehen davon, dass der MP sich noch 2016 gelassen zeigte angesichts der seinerzeit bevorstehenden Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren gegen die geplante Gebiets- und Verwaltungsreform – Ausgaben von mindestens 155 Millionen Euro sind damit verknüpft – und dass er mittlerweile, einem Verfassungsgebot folgend, in Weimar dagegen klagen lässt, nennt er den Haushaltsvorbehalt ein Hindernis für die Stärkung der direkten Demokratie. Artikel 82 der Thüringer Verfassung regelt in Absatz 2:“Volksbegehren zum Landeshaushalt, zu Dienst- und Versorgungsbezügen, Abgaben und Personalentscheidungen sind unzulässig“.

Fällt dieses Tabu, könnte dann nicht in Referenden auch über die Verwendung von Geld bestimmt werden, das Thüringen von außerhalb, vom Bund, von den Geberländern zufließt? Der Haushalt ist der Haushalt, ist der Haushalt und dann quasi offen für jede Forderung, die eine Mehrheit unter den Wahlberechtigten findet. Das Wahlvolk kann keck sein, auch unvernünftig. Die Gespräche mit den Ministerpräsidenten Bayerns und Baden-Württembergs, derzeit CSU und Grüne, diesbezüglich werden interessant, selbst wenn aus der Erfurter Statthalterei zuvor glaubhaft versichert wird, sich gegen die Volksbegehren „Beluga für alle!“ oder „Jeden Tag ein Freudenfeuerwerk in einer anderen Kreisstadt oder kreisfreien Stadt“ erfolgreich zur Wehr setzen zu können.
Wird das Wahlvolk, nebenbei gefragt, dann auch bestimmen können, dass die Spitzen des Freistaates nur noch 20 mal soviel verdienen dürfen wie das schlechtest bezahlte Landeskind – der unbekannte HartzIV-Empfänger. Das wäre doch mal ein Wahlversprechen. Was in Konzernen Recht werden soll, kann den auf Sparsamkeit bedachten Landeskindern ja nur billig sein. Das Jahresgehalt der Mitglieder der Landesregierung hier auszubreiten, würde mir gewiss als Populismus ausgelegt. Unklar ist ob als Rechts- oder Linkspopulismus.

Wirf nur mit Dreck…

Lange nix richtig Skandalöses von der AfD gehört. Kein bundesweiter Aufreger von Höcke, Gauland, Petry und Co. Sie konnten sich in den ruhigen Tagen zurücklehnen. Andere sorgten dafür, dass das Parteikürzel mit dem f immer wieder durch die Nachrichten ging. Andere machten ihre Partei publik.  Politiker von CDU, SPD, Grünen, Linke und FDP – Spitzenleute wie auch das Personal aus der zweiten und dritten Reihe – hielten anderen vor, wie AfD-ler zu reden oder bekamen es unter die Nase gerieben. FDP-Chef Lindner erinnert nach dem Dreikönigstreffen den CDU-Generalsekretär an den schon vom Äußeren her sehr verschiedenen Gauland, nur dass der ein abgewetztes Tweed-Sakko trage und keine überteuerten Maßanzüge. Ist Tauber extrem kurzsichtig? Und woher weiß er, wie ein überteuerter Maßanzug aussieht? Die Linke-Fraktionschefin im Bundestag, Wagenknecht, heißt es aus ihren eigenen Reihen, von Union, SPD und Grünen,  spreche wie eine von der unappetitlichen Partei. Und schon wird polemisch nach dem Termin für den Vereinigungsparteitag gefragt. Via ND wird beteuert, dass mit Wagenknecht die Linke nicht wählbar sei. R2g werde erst  richtig schön ohne sie. Zur Erinnerung sie ist erst vor Kurzem – na gut, unter erklärungsbedürftigen Umständen – zur Spitzenkandidatin ausgerufen worden. Aber man demontiert unverdrossen an ihr herum und ist überzeugt, Klarheit und Reinheit der eigenen Gedankenwelt unter Beweis zu stellen, wenn man ihr nur oft genug ein blaues Bonbon an die Bluse heftet. Komisch, dass zu Bayerns Ministerpräsidenten Seehofer, im Clinch mit der Kanzlerin um die richtige Flüchtlingspolitik, die größtenteils wohl auch Migrationspolitik genannt werden sollte, noch niemandem aufgefallen ist, dass in den Landesfarben Bayerns ja schon das AdD-Blau per Freistaatsverfassung vorgeschrieben ist. Getarnt als Raute.
Der Wähler ist verwirrt. Wenn A über B sagt, er mache rechtspopulistische Politik, wenn C der D vorwirft, sie rede wie eine von den Abgefeimten, soll das dann vor dieser einen Partei abschrecken oder vor einer der etablierten Parteien, die sich ja bloß als Konkurrenten sehen. Und, fragt er sich, vertrauen sie weniger auf die eigenen Positionen und Argumente als darauf, den anderen nur möglichst mies zu machen? Und braucht es dazu wirklich den Rückgriff auf die Blauen? Und vertragen die sich dann nach der Wahl wieder? Eine politische Auseinandersetzung soll das sein. Und es erinnert doch mehr an ideologischen Klassenkampf, an psychologische Kriegsführung mit Fake News, die nur Feinde kennt aber keine Gegner. Haben die vergessen, dass noch immer der Satz gilt: wirf nur mit Dreck, es bleibt immer etwas hängen?

 Falls und weil und wenn

“Allerdings stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, weil insgesamt knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden.“ „Allerdings stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, wenn . insgesamt knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden.““Allerdings stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, falls insgesamt knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden.“
Drei Sätze zum Vorgehen der Polizei in Köln in der Silvesternacht. Nur einer wurde berühmt. Ihn ausgesprochen zu haben, wurde als Fehler erkannt. Es sind drei Konditionalgefüge, wie sie bei Politikern beliebt sind, wenn sie sich in Abstufungen nicht festlegen wollen oder eben doch. Die drei Sätze unterscheiden sich nur durch die Konjunktionen „falls“, „wenn“ und „weil“ und liegen in ihrer politischen Wirkung weit auseinander. Mit „falls“ gäbe der Urheber des Satzes zu verstehen, es bleibt ein zu beachtendes Maß an Ungewissheit. Die Polizei könnte noch andere, ihm gegenwärtig nicht bekannte Kriterien angelegt haben. Seine Quellen, Nutzer der sozialen Netzwerke hätten in die Echo-Kammer zwar zuhauf von „racial profiling“ berichtet. Er habe aber noch Fragen. Die Konjunktion „weil“ ließe dieses Körnchen der Unsicherheit nun gar nicht mehr erkennen. Das Urteil stünde fest: nicht verhältnismäßig, nicht rechtmäßig. Bei „wenn“ ist es nu ja, nu nee. Es bleibt viel Raum für Interpretationen und gegebenfalls nötige Fehlereingeständnisse und Relativierungen. Unterstützer können vorbringen, man habe ja nur eine Frage gestellt. Und dass müsse ja wohl noch erlaubt sein. Werden Fragesätze, selbst rhetorische, die ihre Antwort schon in sich tragen und mehr Behauptung sind als Frage, nicht mehr mit einem Fragezeichen beendet?
Mindestens ein Redakteur der Rheinischen Post hat den Satz mit „wenn“ aufgeschrieben, ihn als Kritik am Vorgehen der Polizisten verstanden und das mit seiner Überschrift deutlich gemacht. Andere Journalisten, landauf, landab haben es ebenso gesehen und die Meldung nebst Überschrift übernommen. Anzuschauen in der Tagesschau, in der FAZ, in anderen regionalen und überregionalen Zeitungen. Der Eindruck, der erweckt wurde war verheerend. Das Thema Sicherheit wird in diesem Wahljahr zum alles beherrschenden Thema. Die Wirtschaftslage ist ja bestens.

Begriffsverwirrung

Katzeklo ist ein hinreichend inhaltsleeres Wort, dass es Mitglieder und Anhänger der Linke, der Grünen, der SPD, der FDP, der Union und der AfD in den Mund nehmen könnten, ohne erläutern zu müssen, was sie damit meinen. Sie müssen sich auch nicht darum scheren, dass Links und Rechts anhand des Wortes nicht zu unterscheiden wären. Pickelhering ist ein ebensolches Wort.
Ganz anders „soziale Gerechtigkeit“ oder „neoliberal“. Die Linke baut ihren bevorstehenden Bundestagswahlkampf darauf auf und verspricht, soziale Gerechtigkeit zu schaffen, indem sie die neoliberale Wirtschaftspolitik von Rot-Grün und Schwarz-Rot der vergangenen Jahre zurückdrängen werde – wenn sie denn in Regierungsverantwortung in Berlin gewählt wird. „Soziale Gerechtigkeit“ als ihren Markenkern will die Linke dem Wähler nahebringen. Auch Grüne, Sozis, Liberale, Christdemokraten und Christsoziale, davon kann man ausgehen, werden nicht mit dem Wahlversprechen antreten, soziale Ungerechtigkeiten zu verschärfen. Im Gegenteil. Ein Alleinstellungsmerkmal hat die Linke mit dem Versprechen „soziale Gerechtigkeit“ also nicht. Das vierköpfige Spitzenduo weiß das, wetten. Und so koppelt es bei jeder Gelegenheit „sozial gerecht“ und Linke. Ähnlich verhält es sich mit dem Verdikt „neoliberale Wirtschaftspolitik“. Nur dass da die Kopplung lautet „neoliberal, die anderen“.
Gestern machte der Abgeordnete BH von der AfD  im Thüringer Landtag allen versammelten Parteien den Vorwurf, neoliberale Wirtschaftspolitik betrieben zu haben. Eine sozial gerechte Gesellschaft, solidarische  sei das Ziel seiner Partei. Man wird das noch oft hören. Wer soll das glauben? Nun kann man sagen, die Blauen klauen bei den Roten. Man kann es auch ignorieren. Aber wie kompliziert wird es, im Wahlkampf immer verkünden zu müssen: „Wir Linken stehen für soziale Gerechtigkeit, aber nicht für die, die die AfD meint.“ Der Wahlkampf wird verwirrend.

Freiheit und Sicherheit und was sonst noch

Freiheit und Sicherheit müssen zusammengelebt werden, hieß es in der Neujahrsbotschaft des Thüringer Ministerpräsidenten. Der Gedanke war dem Überbringer der Botschaft besonders wichtig. Er ließ ihn Stunden später aus der Staatskanzlei noch einmal twittern. Jeder gute Professor lehrt durch Wiederholung.
Der Satz ist um so bedeutsamer, da er nahe bei dem Satz: „ohne Sicherheit ist keine Freiheit“ liegt. Der stammt von dem preußischen Staatsmann Wilhelm von Humboldt, von 1792. Also aus einer Zeit, in der die Begriffe Menschenrechte und Bürgerrechte noch nicht geprägt waren. Aber er ist auch heute brauchbar und so wird er in Abwandlungen häufig zitiert, bisher gern von Unionspolitikern. Die CSU-Landesgruppe im Bundestag präsentierte vor ihrer alljährlichen Klausur jetzt ein Papier „Sicherheit für unsere Freiheit“. Darin fordern die Christsozialen unter anderem mehr Befugnisse für die Polizei und den Verfassungsschutz. Und spätestens hier enden die Gemeinsamkeiten zwischen Thüringen und Bayern.

Die Worte der Neujahrsbotschaft aus Erfurt waren noch nicht verhallt, da wurden in Köln etwa 1700 Polizisten aufgeboten, um am Hauptbahnhof einen friedlichen Jahreswechsel sicherzustellen. Wohl jedem von ihnen waren die Ereignisse von Silvester 2015 in Erinnerung. Im Nachgang kritisierten auch Mitglieder der grünen und linken Thüringer Landtagsfraktion das Vorgehen der Polizei als rassistisch und nannten „racial profiling“ als Grundlage des Vorgehens der Polizei. Der Streit um die Deutungshoheit und darum, ob das Vorgehen nicht doch angemessen war, ist im Gang. Er wird an Thüringen nicht spurlos vorbeigehen. R2g hat sich in seinem Koalitionsvertrag von 2014 darauf festgelegt, „racial profiling“ gesetzlich auszuschließen – und mehr noch – „entsprechende befördernde Befugnisse“ zu streichen. Bei einer entsprechenden Lage wären Thüringer Polizisten die Hände gebunden. Doch Freiheit und Sicherheit müssen zusammen gelebt werden. Ob die „Zivilgesellschaft“ das garantieren kann?

Lahme Ente mimt den Falken

Acht Amtsjahre beendet der US-Präsident mit einem Paukenschlag: 35 russische Diplomaten ließ er des Landes verweisen, gegen zwei Russland gehörende Grundstücke wurde eine Blockade verhängt und Sanktionen gegen vier hochrangige Geheimdienstler. Gibt es eine greifbare Begründung? Noch am konkretesten ist sie, wenn russischen Behörden vorgeworfen wird, US-Diplomaten kujoniert zu haben. Doch der schwerstwiegende Vorwurf, russische Hacker hätten versucht, das amerikanische Wahlsystem zu korrumpieren muss im Vagen bleiben. Zum einen kann der Beleg dafür nicht erbracht werden. Cyberexperten sehen allenfalls Indizien in den von FBI und NSA in dem gemeinsamen Papier Grizzly Steppe genannten technischen Details und der Auflistung von fast 50 vorgeblich oder tatsächlich russischen zivilen wie militärischen Hacker-Gruppen. Tatsächlich widmet sich der überwiegende Teil des 13-seitigen Dokumentes Hinweisen dazu, wie man sich gegen Angriffe via Internet schützen kann. Ironie der Geschichte – die weltgrößte geheime Lauschbehörde aus Fort Meade gibt Netzwerkadministratoren Nachhilfe in Sachen Computersicherheit.

Dass die Vorwürfe vage gehalten werden, hat zugleich den Charme, dass weiter ein Hauch von Zweifel über Donald Trumps Wahlsieg schwebt. Das ist feinnerviger als der Vorwurf des republikanischen Senators John McCain, der von einem Kriegsakt spricht. So deuten sich nebenbei – in der Sache, nicht im Ton – in der Politik gegen Russland Gemeinsamkeiten zwischen Weißem Haus und einem Teil der Republikaner und Differenzen unter den Republikanern an. Ob sie die Amtseinführung des neuen Präsidenten überdauern? 
Üblicherweise verläuft die Ausweisung von Diplomaten nach dem Prinzip „schlägst du meine Tante, schlag ich deine Tante“. Doch Russlands Präsident ließ die Parade des scheidenden US-Präsidenten ins Leere laufen, indem er dem Vorschlag seines Außenministers 35 US-Diplomaten auszuweisen, nicht folgte. Er hielt sich damit alle Optionen offen. 

… und viele Fragen offen

Was ist die Wahrheit? Was ist eine Beleidigung? Auf die erste Frage geben Philosophen verschiedene Antworten. Über die zweite Frage muss gegebenenfalls ein Gericht befinden. Seit über die sozialen Ausstülpungen des Internets und deren Wesen als Verbreitungsweg und Multiplikator privater wie professioneller Verlautbarungen über Sachverhalte, Dinge und Wertungen über Menschen und schlechten Geschmack nachgedacht wird, sucht die Öffentlichkeit Wahres von Unwahrem und Beleidigungen von zu duldenden Werturteilen zu scheiden. Dabei ist Wahres nicht immer als Wahres erkenntlich und zu häufig wird Unwahres für Wahres angesehen.
Weil davon – wie der Ausgang der Wahlen in den USA vermuten lässt – das richtige Leben und die Politik als ein Teil davon beeinflusst werden können – wollen Politiker Grenzen setzen, Klarheit schaffen. Manchem zuckte behufs dessen der Gedanke an eine Art Wahrheitsministerium durchs Hirn. 1984 von George Orwell lässt grüßen. Soziale Netzwerke, so ein anderer Ansatz, sollten wie Medien für Falschberichte und Beleidigungen verantwortlich gemacht werden. Ein verlockender Gedanke angesichts der Millionen-Entschädigungen, die selbst für den Tatsachen entsprechende Berichte und Videos aus dem Intimleben von Berühmtheiten vor US-Gerichten erstritten wurden. Doch ist die Frage erlaubt, ist der Chef eines solchen Unternehmens tatsächlich als Herausgeber oder Chefredakteur anzusehen? Ist jeder, der sich öffentlich äußert, tatsächlich Journalist. Wo ist die Tendenz bei Facebook und Co?
Hatespeech soll von Rechtsschutzstellen der Internetplattformen an 365 Tagen im Jahr getilgt werden, kündigen jetzt die Regierungsparteien an. Ohne gerichtliche Prüfung? Oder doch mit der Aussicht, dass der Post mit entsprechendem Tamtam wieder eingestellt werden muss, wenn ein Gericht anders befindet als die Rechtsschutzstelle? Ein Beispiel: dass man einem Polizisten nicht ein Schild mit der Aufschrift ACAB (All Cops Are Bastards, Alle Polizisten sind Bastarde) entgegenhalten sollte, ist einsichtig.  Schon aus Gründen des Anstands. Doch das Bundesverfassungsgericht befand, dass das Kürzel unter anderem auf dem Hintern getragen vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt sei (BVerfGer, Beschluss vom 17.06.2016 – 1 BvR 257/14 und 1 BvR 2150/14). Für den einen Beleidigung für den anderem Meinungsfreiheit. Ich spare mir die Sprüche vom Menschen vor Gericht und auf hoher See und von jedem Fall, der anders ist.

Als die Bundestagsabgeordnete AM vor kurzem das Wort „postfaktisch“ verwendete, wurde sie belächelt. Mittlerweile sind „postfaktisch“, „Fake News“ und „Hatespeech“ Ankersteine des öffentlichen Diskurses. Aber das Gedankengebäude, das sich darauf gründet wird nicht umso stabiler je öfter sie benutzt werden. 

Schiefgelaufen

In der derzeitigen Fassung des aktuellen  Armuts- und Reichtumsberichtes der schwarzroten Bundesregierung fehlen offenbar Sätze.Einer geht so: „Die Wahrscheinlichkeit für eine Politikveränderung ist wesentlich höher, wenn diese Politikveränderung von einer großen Anzahl von Menschen mit höherem Einkommen unterstützt wird.“ Das SPD-geführte Arbeitsministerium hatte den Zusammenhang von viel Geld und wenig Geld und politischem Einfluss erforschen lassen. Der Satz ist in nuce das Forschungsergebnis. Ungeachtet der Tatsache, dass es mehr Menschen mit wenig Geld gibt als Menschen mit viel Geld. Zwischenfrage: hat jemand etwas überraschend anderes erwartet?
Nun taucht der Satz, so wird berichtet, nicht in der von der Bundesregierung überarbeiteten Fassung des Berichtes auf. Man könnte sagen, der Bericht sei entschärft worden. Zwischenfrage: wäre das überraschend? Weil es Kritik an der Vorgehensweise gibt, meinte die SPD sich wenigstens erklären, wenn nicht exkulpieren zu müssen. „Nicht DIE Bundesregierung will im #Armutsbericht etwas verbergen. WIR haben geliefert, der schwarze Teil des Kabinetts hat gestrichen“, twitterte es aus dem Willy Brandt Haus. Zwischenfrage: kann das überraschen?
Aber das Echo darauf ist nicht sonderlich erbauend. Es läuft in Teilen darauf hinaus, dass die Roten schlecht seien, dass sie nichts anderes erwarten dürften, wenn sie mit den Schwarzen koalieren. Beim Kuscheln mit denen bleibe halt Mist kleben,  es wird aber auch gelockt, bei #r2g seien die Sozialdemokraten besser aufgehoben. Die Kritik ist in sich nicht konsistent, aber immerhin bestätigt sie den alten Merksatz: das Gegenteil eines Fehlers ist ein Fehler. Fraglos.

Jetzt wird es animalisch

Vergessen Sie bitte alles, was sie über Berufsrevolutionäre wie den jetzt auf der größten Insel der Großen Antillen verstorbenen FACR wissen. Vergessen Sie auch alles, was Sie über Berufspolitiker wie den Europaabgeordneten MS wissen, der jetzt – er muss demnächst das höchste Wahlamt im EU-Parlament aufgeben – prompt auf sein Mandat verzichtet hat und das nächste Mandat im Bundestag anstrebt. Aussichtsreich, wie es scheint. Noch bevor der Listenparteitag einberufen ist, wird er schon für Listenplatz 1 in NRW gehandelt. Gut, nennen wir das ruhig eine innere Angelegenheit der SPD. Vergessen Sie also Berufspolitiker und Berufsrevolutionäre! 
Begrüßen Sie vielmehr das Politische Tier. Bisher lebte es nur als Umschreibung für einen Leib-und-Seele-Politiker, der ein Gespür dafür hat, auch in komplizierten Situationen instinktiv das Angemessene und manchmal auch das ethisch Vertretbare zu tun. Das Politische Tier lebt, wirklich. Jetzt hat die Bundestagsabgeordnete AN den Beweis dafür erbracht, dass sie eines ist. „Ich rieche ihre Schwäche“, sagte AN beim Landesparteitag der bayerischen SPD über die Bundestagsabgeordnete AM. Die führt die schwarz-rote Bundesregierung und wird schwerlich einen Kommentar abgeben zu der despektierlichen Plauderei über ihre Aura, mit der die Parteitagsteitagsdelegierten zu Zuversicht und zu politischen Höchstleistungen angefeuert werden sollten.
AN erweiterte mit ihrem Bekenntnis die weit fortgeschrittene Schweißforschung bei Tier und Mensch, die bisher belegt, dass der Schweißgeruch gestresster, ängstlicher Menschen auch beim Riechenden das Angstzentrum unbewusst aktiviert, aber auch das Areal, in dem von Hirnforschern das Mitleid verortet wurde.
Vielleicht irrt sich aber auch die Abgeordnete AN und sie hat ihre Parlamentskollegin nur nach einem langen, arbeitsreichen Tag erwischt, als deren Deodorant versagt hat. Aber dass selbst AM transpiriert, wissen wir doch seit Jahren, seit dem Schwitzfleck im Abendkleid beim Défilé anlässlich eines Auftakts der Bayreuther Festspiele.