Horror vacui, wieder

Doch, doch, man konnte das Wochenende verbringen, ohne von dem Beef zwischen der Frau C.F. und ihrem Ex-Gatten, Herrn U. etwas mitbekommen zu haben. Auch nicht von den Weiterungen in Form einer Frauen-Demo am Berliner Brandenburger Tor. Ich habe das am Kaffee-Tisch beim montäglichen Besuch in meinem Fitnessstudio erfahren. Gut, wer dem existenzzerstörenden Zerwürfnisses zwischen zwei vorgeblichen C-Promis gesellschaftliche Bedeutsamkeit zumisst, wird einwenden: anekdotische Evidenz, allenfalls.

Um keine Post von Anwälten eines der beiden zu bekommen will ich mich auf die Mitteilung beschränken, dass von Seiten der Anwälte des Herrn U. mitgeteilt wurde, in dem Bericht des Nachrichtenmagazins, das sich einmal das Sturmgeschütz der Demokratie nannte, seien „unwahre Tatsachen aufgrund einseitiger Schilderung“ enthalten und es handele sich „in großen Teilen um eine unzulässige Verdachtsberichterstattung“. Man gehe bereits presserechtlich gegen das Nachrichtenmagazin vor. Das ist eindeutig als Stoppzeichen für Berichterstattung gedacht, die sich in Ermangelung eigener Quellen, auf das stützen muss, was Frau C.F. in „mehreren Interviews“ den Rechercheuren aus Hamburg erzählt hat. Gern hätte man mit Herrn U. gesprochen, doch der habe einen umfangreichen Fragebogen nicht beantwortet. Man habe aber über mehrere Wochen die digitale Kommunikation des Schauspielers kontrolliert. Ober den Reportern seine Zugangsdaten zur Verfügung gestellt hat? Eine unvoreingenommene Urteilsfindung im rechtlichen Sinn kann man das alles tatsächlich nicht nennen. Vieles deutet darauf hin, dass sich Pressekammern der einzelnen Instanzen mit dem Fall beschäftigen, noch bevor er strafrechtlich gewürdigt wird und das in Spanien.

Da fallen einem doch Namen wie Kachelmann, Türck, Mockridge oder Lindemann ein. Und bei denen ging es immerhin um Vergewaltigungsvorwürfe, ausgebreitet durch die vereinten deutschen Medien, nicht im „virtuelle Vergewaltigung“ wie in C.F. gegen U. Das soll nicht als Verniedlichung der Vorwürfe gegen den Schauspieler missverstanden werden. Aber von den Vorwürfen blieb nach gerichtlicher Prüfung in den Fällen Kachelmann und Türck nichts übrig. Die Fälle Mockridge und Lindemann schafften es nicht mal bis vor ein Gericht. Immer hatte es geheißen: „glaubt den Opfern“. Als wäre den Chefredakteuren ein horror vacui zu eigen breitete selbst das letzte, weit weg vom Ort des Geschehens erscheinende Regionalblatt vor seinen Lesern aus, was tatsächlich nicht geschehen war. Vom Boulevard, der sich über den Äther verbreitet, nicht zu reden. Höhepunkt am Wochenende: in der Tagesschau gab es mehrminütige Berichte, während tatsächliche Vergewaltigungen, eine Nicht-Berichterstattung entschuldigend, als lokale Ereignisse abgetan wurden. Aber hier geht es ja angeblich um eine „virtuelle Vergewaltigung“

Alles, worüber das Nachrichtenmagazin berichtete, ereignete sich, wie zu verstehen war, von Mallorca aus. Das ist nicht gerade um die Ecke. Aber die Namen, die Namen. Na und, könnte man erwidern. Die Frau hat wiederholt im TV und in der Presse berichtet, was unter ihrem Namen unter anderem mit Bildern von ihr getrieben wurde oder mit Bildern von Frauen, die ihr ähnlich sahen. Über offen stehende Münder und berechtigte Empörung gingen die Reaktionen nicht hinaus. Noch in einer Talkshow in einem dritten Programm an einem Freitag Abend, vor dem scoup in Hamburg legte die Frau, als sie gefragt wurde, wer ihr das angetan habe, den Kopf auf die Seite und brabbelte. Da wusste sie aber schon, dass es ihr Ex-Mann gewesen sein soll. Man kann das einen taktischen Umgang mit der Wahrheit nennen. Aber wenn der größere Aufschlag nicht in Köln, sondern wenige Tage später in Hamburg geplant war …

Und wenn man dann zu dem Zeitpunkt mit Knalleffekt weit weg sein würde vom Geschehen zu TV-Aufzeichnungen – in Vietnam. Dort treten einem die interessierten Menschen von den Medien nicht auf den Füßen rum und halten einem nicht beständig ein Mikrofon vor die Nase. Vom Anspruch des Fernsehsenders ganz abgesehen, der die Aufzeichnungen für eine Gute-Laune-Serie garantiert nicht gestört sehen will.

Für eines hat das ganze Tohuwabohu getaugt. Für eine Demo am Brandenburger Tor. Es wurde gegen Gewalt gegen Frauen protestiert und zugleich eine Musikrichtung „normalisiert“, von der die Mehrheit der Teilnehmenden sich nicht angesprochen gefühlt haben dürfte. Auf die Bühne wurde ein Rapperin eingeladen, die einen Stil pflegt, von dem eine Mutter ihrer Tochter sagen würde, so spricht man nicht über sich selbst. Deren Vokabular allenfalls in intimer Zweisamkeit als Dirty Talk durchgehen mag, aber auf der Straße gesprochen unter Gosse, im Feuilleton nur mit allergrößtem Wohlwollen als zeitgeistig umschrieben würde.

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