Welcher Sieg

0,5 Prozent, rund 27300 Zweitstimmen bei rund 5,4 Millionen Wählern, so groß ist nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis der Unterschied zwischen den Grünen und der CDU bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Zählbar, ausweisbar, sicherlich. 0,6 Prozent. Die Prognose um 18.00 Uhr, gebildet aus Nachwahlbefragungen von 25000 Wählern sah noch einen beachtlichen Unterschied von 3,8 Prozent. 32,8 Prozent für die Grünen, 29 Prozent für die CDU. 0,5Prozent blieben am Ende davon übrig. Noch bevor endgültig ausgezählt war, rief sich der grüne Spitzenkandidat zum Wahlsieger aus.

Doch was haben er und seine Partei außer diesen 0,5 Prozent gewonnen? Nichts. Weil eine differenzierte Betrachtung komplexer Sachverhalte das neue Muss ist, will man sich nicht eines billigen Populismus schuldig machen, folgt eine differenzierte Betrachtung. Die beginnt mit dem greifbarsten Resultat – die Zahl der jeweiligen Abgeordneten beider Parteien. Grüne 56, CDU 56. Wer ist der Sieger, wer der Zweitplatzierte? Zum Vergleich: bei der Wahl von 2021, als die Grünen ihre zweite Legislatur als regierungsführende Partei starteten, hatten die, vor der Änderung des Landeswahlrechts 58 der 70 möglichen Direktmandate, die CDU 42, davon 12 Direktmandate. Im um drei Mandate auf 157 angewachsenen 18. Landtag gelang es der Partei nicht einmal, die Zahl ihrer 58 Mandate zu halten. Die Zahl der grünen Direktmandate schrumpfte ebenfalls – das Wahlergebnis zeigt, die Partei ist städtisch. Alle vier Mandate in Stuttgart gingen an die Grünen, zwei in Freiburg, zwei in Karlsruhe, Heidelberg, Tübingen, Konstanz, Lörrach. In Mannheim, wo zwei Landtagssitze zu vergeben waren, ging einer an die AfD. Die restlichen Direktmandate errang die CDU. Sie schnitt auch bei den anderen Werten besser ab als die Konkurrenz. Die Grünen schnitten bei Erststimmen (-7,1 Prozent) wie Zweitstimmen (-2,4 Prozent) schlechter ab als 2021. Die CDU gewann dagegen hinzu.

Warum also feiern sich die Grünen als Wahlsieger, warum werden sie allerweilen als die Wahlsieger gefeiert? Wegen 0,5 Prozent Vorsprung? Weil die Geschichte eines Gastarbeiterjungen aus der Türkei, der grüner Ministerpräsident wird, sexyer ist als die eines schwarzen Wahlsiegers, der vor Jahren in einem Interview mit einem Lokalsender zum Besten gab, dass es für einen 29-jährigen Abgeordneten nichts Schwieriges sei, vor Schülerinnen mit rehbraunen Augen, über Politik zu schwätzen. Wir erinnern uns an das Schicksal des CDU-Kanzlerkandidaten, der bei einem Ortsbesuch im überfluteten Ahrtal lächelte. Wir erinnern uns an den FDP-Politiker, der einer Journalistin an einer Bar bescheinigte, sie könne ihr Mieder ausfüllen.

Die Hoffnung, es könne mit der Wahl des Gastarbeiterjungen zum Ministerpräsidenten ein nettes Signal in die muslimische Diaspora gesendet werden – seht, was passieren kann, wenn ihr euch nur integriert, ist trügerisch. Der Wahlkreis in Mannheim, der an den AfD-Bewerber fiel ist geprägt durch einen überdurchschnittlichen Anteil „migrantisch gelesener“ Wähler.