Fake und Absicht

Während meines Studiums an der semistalinistischen Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität machte unter den künftigen Journalisten ein Bonmot die Runde und das ging so: „Keine Idee haben und die zu Papier bringen, das macht einen Journalisten aus.“ Der Ursprung blieb im Dunkeln. Man könnte es Karl Kraus zuschreiben, wie ihm schon seit etwa 1978 der Sinnspruch „Was trifft, trifft auch zu“ zugeschrieben wird. Phantasie ist etwas, was dem Journalisten nicht abgehen sollte. Egon Erwin Kisch hat beredte davon Zeugnis gegeben, als er den Bericht vom Brand der Schittkauer Mühlen zu Papier brachte. Über ihm fehlende Fakten fabulierte er sich hinweg und begründete auch dadurch seine Karriere.

„Bedarf die Gestaltung der Wahrheit keiner Phantasie? Es ist wahr, die Phantasie darf sich hier nicht entfalten wie sie lustig ist, nur der schmale Steg zwischen Tatsache und Tatsache ist zum Tanze freigegeben, und ihre Bewegungen müssen mit den Tatsachen in rhythmischem Einklang stehen. Und selbst diesen beschränkten Tanzboden hat die Phantasie nicht für sich allein.“ So schreibt Kisch im „Marktplatz der Sensationen“.

Das war lange bevor Journalismus über TV-Antennen in die Wohnungen von Gebührenzahlern kam. Damals wurde alles auf Zelluloid gebannt, später auf Magnetbänder. Heutzutage können Computer bemüht werden, um bewegte Bilder zu produzieren, die der Realität entsprungen sein könnten. Aber die machen die Bildern und Videos nicht von sich aus. So clever ist die KI noch nicht. Ist es etwas anderes, einem Computer zu sagen: schaffe mir diese oder jene Szene als Kisch damals für seine Reportagen fabulierte? Ja, ganz eindeutig. Nehmen wir nur die Reaktionen auf die Berichterstattung im heute-Journal vom 15. Februar über das Vorgehen des US-Einwanderungsbehörde, die nach öffentlicher Kritik eine Entschuldigung der ZDF-Nachrichtenchefin nach sich zog und dann die Abberufung der für den Bericht verantwortlichen Büro-Chefin aus New York und nun eine Belegschaftsversammlung des ZDF, die dem Vernehmen nach ihresgleichen suchte. Die Aufregung ist offenkundig sehr groß. Was unter anderem den kolportierten Wortmeldungen der ZDF-Chefredakteurin zu entnehmen ist. Auch der Tatsache, dass sie auf „gewisse Plattformen“ verwies, die „infam und böswillig“ über Fake News berichteten. Der Washington-Reporter machte es konkret. Er nannte das Internet-Portal Nius, dessen Geraune man sich nicht zu eigen machen dürfe.

Arbeitsrechtliche Maßnahmen seien gegen alle Beteiligten eingeleitet worden, wurde bekannt gegeben, nicht gegen die Moderatorin der Sendung, die nach der vorgegebenen Logik nicht beteiligt war. Zyniker vermuten folglich, die Moderatorin verlese bloß Texte an deren Entstehen sie nicht beteiligt sei, zwischen Videos und Bildern platziert, die sie nicht kenne. Und dafür gibt es dann Medien-Preise von hier und da und vom Bundespräsidenten auch. In Damen-Ausführung, versteht sich. Selten sind für so wenig so viele Preise ausgeschüttet worden. Der gewesenen New York Reporterin sicherte man in der Belegschaftsversammlung angeblich zu, sie nicht fallen zu lassen. Das ZDF kämpft schon mit einem Kollegen nach einer fristlosen Kündigung vor dem Arbeitsgericht. Der hatte sich beim ZDF-Fernsehrat über einen seiner Ansicht nach fehlerhaften Bericht und Missstände im Haus berichtet. Ein Gütetermin ist gerade geplatzt. Eine zweite Kündigungsschutzklage wäre sehr schlecht für‘s Image.

An der oben erwähnten Journalistik-Sektion wurden die Studenten im Modul „journalistischer Schaffensprozess“ darauf getrimmt, dass jedem journalistischen Beitrag neben dem Thema eine Absicht – unterteilt in eine „allgemeine“ und „spezielle“ Absicht innewohnen müsse. Konnte die nicht präzise umrissen werden, war von dem Beitrag nicht viel zu erwarten. Dieser Maßstab angelegt, wäre die Absicht klar: über die Boshaftigkeit (um es milde zu formulieren) der unterdrückerischen US-Administration berichten, die eine fast faschistische Behörde von der Leine gelassen hat, um harmlose Einwanderer zu verschleppen. Mit möglichst drastischen Bildern. Zum einen waren das Aufnahmen von der Monate zurückliegenden Festnahme eines Jungen, dem die Vorbereitung eines Amok-Verbrechens zur Last gelegt wurde. Zum anderen war das ein Video, das einem Computer entsprungen war, dem gesagt worden war, er solle eine Szene schaffen, in der sich Kinder verzweifelt an ihre Mutter klammern, die von Schergen der US-Einwanderungsbehörde abgeführt wird.

Vor den Bildern aus den USA räsonierte die Moderatorin gegen die Gefahr von Fake News. Ein gewisser Widerspruch zwischen dem Gesagten und dem Gezeigten, ist nicht zu übersehen. Und nun versucht das ZDF auf jede erdenkliche Weise den Widerspruch zu übertünchen.

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