Dass 100 Jahre Oktoberrevolution noch einmal Anlass zum Streit um die Deutungshoheit geben würden, wer hätte das nicht erwartet. War mehr Anlass zur Hoffnung nach jenem 25. Oktober 1917? Überwog nicht doch das Leid, dass mit dem 70 Jahre dauernden Vollzug einer selbstbehaupteten Volksherrschaft einherging. Wiegen 28 Millionen Kriegstote auf sowjetischer Seite mehr als über 20 Millionen Opfer unter anderem des Großen Terrors, der Kulaken-Verfolgung, des Gulag-Systems auf? Was machte der Stalinismus mit den Menschen, die nicht seine Todesopfer wurden? Kann über Berge von Toten der Weg in eine besserer Welt führen? Wer sich informieren will, mag 20 Jahre nach der Erstausgabe Stéphane Courtois „Schwarzbuch des Kommunismus“ lesen.
Wie viele andere hat der Präsident des Thüringer Landtags seine Sicht auf die Oktoberrevolution und ihre Folgen öffentlich gemacht, in Form einer ihm zustehenden Erklärung. „Die Oktoberrevolution ist der Ausgangspunkt von über 70 Jahren brutaler kommunistischer Diktatur in Russland und der späteren Sowjetunion. Sie setzte sämtlichen Bestrebungen einer Demokratisierung Russlands seit der Abdankung des russischen Zaren ein jähes Ende“, so das Fazit des CDU-Politikers. Dieses Urteil missfällt der Linke-Landeschefin und -Fraktionschefin im Thüringer Landtag, und sie schreibt dem Parlamentspräsidenten auch in Fragen der Geschichtsbetrachtung ein Neutralitätsgebot zu. Weil er das missachtet habe, meint sie dem, „antikommunistischen Duktus eines Konservativen“ entgegentreten zu müssen.
Doch im Prinzip hat der CDU-Mann erklärt, was auch beim letzten Linke-Mitglied Zustimmung finden sollte. Es sei an das erinnert, was einer der Vordenker der Partei schon am 20. April 2013 erklärte: „Die Auflösung der Konstituierenden Versammlung in Petrograd im Januar 1918 durch die bolschewistische Regierung beendete die demokratische Phase der Russischen Revolution von 1917 endgültig und es dauerte 70 Jahre, bis Glasnost den Weg zu einer freien Öffentlichkeit ebnete und wieder demokratische Wahlen abgehalten wurden, die diesen Namen verdienten.“ Soviel zur Hoffnung, die bei ideologisch unverblendeter Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse entstehen kann. Lenin entschied sich für die Diktatur, so geht es in dem Vortrag weiter und es werden auch dafür begleitende Umstände angeführt. Die Sicherung de Macht der Bolschewiki war sein Ziel. In die Lage dazu hatte ihn das deutsche Kaiserreich versetzt durch eine Fahrt im verplombten Zug, durch Millionen-Zahlungen an die Bolschewiki. „Diktatorisch wurde die Macht der kommunistischen Partei in Russland letztlich gesichert. Allgemeine Wahlen, verfassungsgebende Versammlungen, Freiheit der Rede und der politischen Organisation führten dagegen in den meisten west- oder zentraleuropäischen Ländern Europas nach 1918 in eine bürgerliche Demokratie“, heißt es weiter. Zur Erinnerung, im Februar 1921 wurde die knapp drei Jahre zuvor gegründete Demokratische Republik Georgien von der Roten Armee besetzt und zwangsweise der Russischen Sowjetrepublik angeschlossen. Soweit zum Thema die Existenz der Sowjetunion habe „den Kapitalismus dazu herausgefordert, sich sozial und demokratisch zu reformieren“. Das erinnert doch an ein Weltbild, wie es vor 1989 gelehrt wurde.
Die Betrachtung der sowjetischen Geschichte brachte den Philosophen von der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2013 dazu, als er gebeten wurde, zum Thema „Bruch mit dem Stalinismus als System“ zu sprechen, „den Terminus Stalinismus durch Leninismus zu ersetzen. Dies wäre 1989 innerhalb der damaligen Noch-SED und Noch-Nicht-Partei-des-Demokratischen-Sozialismus unmöglich gewesen. Noch war Lenin ganz anders als Stalin einer dererr, auf die sich diese Partei im Umbruch positiv bezog, neben Marx und Luxemburg, Bebel und den Liebknechts, Kautsky und Bernstein.“ Im Internet-Auftritt der Thüringer Linke kann der Vortrag nachgelesen werden. Da überrascht die Erklärung der Linke-Chefin zum Thema ungemein.