Die Stellungnahme aus der Linke-Fraktion im Thüringer Landtag zur Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) beginnt mit einer Suggestion. Ob der bildungspolitische Sprecher zum Leistungsstand der hiesigen Viertklässler sich selbst oder der Öffentlichkeit etwas suggerieren wollte, ist nicht ganz klar. „Spitzenplätze im Bereich der Bildung sind keine Selbstläufer. Sie müssen täglich erkämpft und verteidigt werden“, lässt er die Öffentlichkeit wissen. Wer hätte etwas anderes vermutet? „Dazu leisten die Schulleiter, Grundschulpädagogen, Erzieherinnen und Inklusionslehrkräfte täglich ihr Bestes.“
Nur, Thüringens Viertklässler sind imVergleich mit ihren Mitschülern aus den anderen Bundesländen nicht Spitze. Sie sind allenfalls knapp unter dem Durchschnitt. In wichtigen Bereichen sind sie schlechter als die Viertklässler 2011 waren, und ihre Rechtschreibung ist viel schlechter als der Bundesdurchschnitt. Das aber erfährt der Leser der Pressemitteilung erst, wenn er sich durch Lob für Partei und Regierung durchgekämpft hat. Der Bildungsminister treibt das Eigenlob auf die Spitze, indem er propagieren lässt, wie weitsichtig es gewesen sei, Lehrern, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten, die Anstellungsverträge entfristet zu haben. Als käme auf diesem Weg ein zusätzlicher Lehrer in die Klassen. Das schlechte Abschneiden Thüringer Schüler beim Rechtschreibtest meinte der Minister mit dem Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund entschuldigen zu müssen. Die Autoren der Studie widersprechen ihm.
In der Studie kann nachgelesen werden. Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache, die weniger als ein Jahr in Deutsch unterrichtet wurden und die nicht in der Lage waren, Deutsch zu lesen und zu sprechen, wurde der Test ebenso erspart, wie Schülern, für die der Test eine unzumutbare emotionale Belastung dargestellt hätte oder die den Anweisungen des Tests nicht hätten folgen können. 1579 Prüfungsbögen der 16486 am Test Beteiligten gingen in die Thüringer Schulstichprobe ein. Mögen Statistiker abschätzen, ob die Interpretation des Ministers einem Faktencheck standhält oder ob er einfach nur schlecht vorbereitet seine Erklärung vor der Fernsehkamera abgegeben hat. Dabei hat er doch selbst von mehreren Baustellen in seinem neuen Verantwortungsbereich gesprochen, als er den Posten übernahm.
Die Thüringer Ergebnisse muss man nicht mit denen Bayerns – Anteil der Ganztagsschulen dort 25,4 Prozent – vergleichen, um zu sehen, wie weit die Thüringer Grundschule von der Spitze entfernt ist. Das zeigt schon ein Blick nach Sachsen – Anteil der Ganztagsschulen dort 98,9 Prozent. Also mit Thüringen fast auf einer Ebene. An sächsischen Schulen muss etwas anders gemacht werden, als an Thüringer. Dort erreichten 11,8 Prozent der teilnehmenden Schüler beim Lese-Test den Optimalstandard, in Thüringen nur 7,8 Prozent. Der vorletzte Platz vor Bremen mit 5,2 Prozent. Der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 10,2 Prozent. Dagegen erreichen 10,2 Prozent der Schüler nicht einmal den Mindeststandard beim Lesen, in Sachsen sind das lediglich 7,2 Prozent, in Bayern 7,9 Prozent. Fast ein Viertel der Thüringer Schülerinnen und Schüler erreicht im Kompetenzbereich Orthographie nicht den Mindeststandard, in Sachsen 19,1 Prozent, in Bayern 12,5 Prozent. Nur 6 Prozent der Viertklässler erreichen in Thüringen den von den Wissenschaftlern definierten Optimalstandard, in Sachsen 9,7 in Bayern 14,9 Prozent. So sieht ein Problem aus.
Angesichts dessen erhebt sich eher nebensächlich die Frage: Wer tröstet den Bildungsminister darüber hinweg, dass zwar die von ihm geleitete Kommission „Zukunft Schule“ in der Linke-Pressemitteilung erwähnt wird und nur der seinerzeitig kommissarische Bildungsminister, er aber nicht?