Sag‘ einer, in einem Untersuchungsausschuss gebe es keine Zerstreuung. Der Untersuchungsausschuss 6/1 „Rechtsterrorismus und Behördenhandeln“ des Thüringer Landtages bot in seiner 30. Sitzung reichlich davon. Gut, dem Aufklärungsziel – der Aufklärung von Verquickungen des Rechtsextremismus mit der organisierten Kriminalität – kam man nicht sonderlich näher. Die gab es nicht, so zwei befragte Kripo-Beamte. Dafür plauderten sie aus den Anfangsjahren des LKA. Wenig Rühmliches berichteten die ehemaligen Volkspolizisten. Sie beschrieben ein Amt, das in seinen ersten Jahren eher für die Jagd auf Hühnerdiebe geeignet schien, denn für den Kampf gegen Schwerkriminelle. „Der Westen hat uns nicht die besten Leute geschickt“, so der eine. Der erste Leiter der Abteilung 6, zu der sein Dezernat für Sonderermittlungen, die Bildung von SoKo, besondere zugewiesene Aufgaben und die Bekämpfung der organisierten Kriminalität gehörte, sei ein „braungebrannter Sunnyboy gewesen, der sich alles angehört habe, genickt aber nichts gemacht habe“. „Wenn jemand es in 30 Jahren in der altbundesdeutschen Polizei nur zum Oberkommissar gebracht hat, nur Teil-Ermittlungen führte, selbst an der Leine geführt wurde, und zwar an einer kurzen, und dann Menschen führen soll, das kann nichts werden.“ Der Zeuge berichtete unter anderem von Pannen bei der Gewinnung eines Informanten, vom Kampf gegen Falschgeldkriminalität, bei der Anfang der 90er Jahre 1000-D Mark-Scheine in nennenswerter Zahl von verbreitet werden sollten. Ermittlungsschwerpunkt war Jena. Ermittlungsgegenstand seien sogar betrügerische Immobiliengeschäfte in Hongkong wenige Jahre vor dem Ende der britischen Kolonialherrschaft gewesen.
Die anfängliche Unterstützung seiner Arbeit endete um 1995, mit einem neuen LKA-Präsidenten, einem ehemaligen Verfassungsschützer aus Niedersachsen. Ende des Jahres sei er dann mit seiner Sekretärin allein im Dezernat. Manche der Schilderungen der eigenen Arbeit mögen sich sehr selbstbewusst angehört haben. Doch die Begründung dafür, weshalb das LKA seine Schlagkraft verloren habe, ist ernüchternd: „Wenn der Chef keine Ahnung hat, die Leute verunsichert sind und nicht so ne große Klappe haben wie ich ich, dann machen die das, was der Chef will.“ Da musste schon mal ein LKA-Mitarbeiter mit einem Kilogramm Plastik-Sprengstoff und Zündern im Zug die Rückreise vom Ort des Testkaufes nach Erfurt antreten. 9 weitere Kilogramm wurden später bei einer Razzia sichergestellt.
Der zweite Polizist berichtete davon, wie Ermittlungen gegen die organisierte Kriminalität ausgebremst wurden, als Mitte der 90er Jahr die Landeshauptstadt in den Fokus rückte. Für verdeckte Ermittlungen, so der Beamte, „wurden Personen aus der rechten Szene genutzt“. Die hätten leicht in der Erfurter Szene Fuß gefasst. Es fallen die Stichworte Rotlicht, Russenmafia, Gastwirt. Unbekannt ist der Themenkomplex nicht. Die von ihm geführten Protokolle seien in einem für die Staatsanwaltschaft erfolglosen Verfahren wegen Geheimnisverrats gegen ihn genutzt worden.
Noch aufregender ist die Schilderung des Falles eines seinerzeit bundesweit bekannten Neonazis, der von einem Geschäftsmann 2000 oder 2001 mit einem Mord an dessen Frau beauftragt wurde. Der Mann berichtete auch von beim Umzug des Innenministerium gestohlenen Festplatten. Bei der Polizei wollte er aber nicht mehr aussagen. „Der hatte Angst. Das konnte man sehen“. V-Leute des Verfassungsschutzes hätten ihn bedroht. In der Wohnung seiner Mutter protokollierten der Zeuge und ein Kollege, was der mit mehreren Betrugsverfahren überzogene Neonazi auszusagen hatte. Sehr glaubhaft sei der in seinen Schilderungen gewesen, obwohl er allgemein viel erzählte, wenn der Tag lang war. Als das von beiden Polizisten unterschriebene Protokoll auf den Dienstweg gebracht worden war, „ist man erst mal durchgedreht in der Polizeiführung im Ministerium.“ Ein Ministerialer habe sich in die Dienstelle bemüht und dort verlangt, das Protokoll aus dem polizeilichen System zu löschen. Das Original des Dokumentes rüde eingezogen. Der Überbringer musste erklären, ob es es gelesen habe. Das Papier sei in die Akten diverser Strafverfahren eingeflossen und 2012/2013 noch einmal Gegenstand von Erörterungen in der Thüringer Polizeiführung gewesen. Erhöhte Aufmerksamkeit bei den Ausschussmitgliedern löste der Polizist aus, als er erzählte, er habe im Zuge der Ermittlungen gegen das NSU-Trio BKA-Mitarbeitern bedeutet, das Protokoll müsste im Licht der bekannt gewordenen Fakten neu eingeschätzt werden. Als es aufgesetzt wurde, war die Fahndung gegen das NSU-Trio aktuell. Wenig später wurde dem Kripo-Mann eine neue Aufgabe zugewiesen.