Es muss über Hegemonie gesprochen werden. Nicht, weil es ein schönes Wort wäre, sondern weil linkes und grünes Spitzenpersonal die dahinter stehende Idee Wirklichkeit werden lassen möchten. Die Linke-Kovorsitzende meint, mit dem Chef der Thüringer Staatskanzlei darüber reden zu müssen. „Du meinst, Rot-Rot-Grün muss nicht von Anfang an als »hegemoniales Projekt« angelegt sein – als ein Projekt mit dem gemeinsam geteilten Anspruch, grundlegend andere politische Weichenstellungen vorzunehmen. So offen die Realisierbarkeit eines solchen Projektes weiterhin ist, so unklar bleibt meines Erachtens, wie ein Politikwechsel auf andere Art und Weise, etwa im Sinne eines »business as usual«, aus der Regierung heraus durchsetzbar sein soll“, schrieb sie ihm in einem Brief, der seinem Buch „Die Linke: Partei neuen Typs?“ vorangestellt ist. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen fordert ihre Partei auf: „Lasst uns authentisch, zugespitzt und klar sein. Dazu gehören auch Mut & Lust anzuecken & von Links Hegemoniefähigkeit zu wagen“.
Hegemonie – der Führer der Oktoberrevolution, Lenin, machte sich unter anderem in „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ Gedanken über die Hegemonie der Arbeiterklasse. Lenin als Stichwortgeber im 21. Jahrhundert dürfte schwer vermittelbar sein. Doch der italienische Kommunist Antonio Gramsci inspiriert Linke und Grüne zu ihren Führungs-Überlegungen. Gramsci dachte in Haft der italienischen Faschisten über hegemoniale Herrschaftsmöglichkeiten nach. Seine Gedanken aufgeschrieben in den „Gefängnisheften“, kamen erst nach Ende des zweiten Weltkriegs via Sowjetunion an die Öffentlichkeit. Der Hegemon war für beide die Arbeiterklasse.
Obwohl weder Linke, noch SPD, noch Grüne auf ihre Rolle als Avantgarde der Arbeiterklasse verweisen können, proben sie derzeit, wie Hegemonie in Thüringen geht. Ihr Experimentierfeld? Der Landtag, der gegenwärtig von einer tatsächlichen oder behaupteten Vertrauenskrise der rot-rot-grünen Fraktionen in Präsident und Verwaltung erschüttert wird. Neueste Stufe der Eskalation, die Vizepräsidenten fordern die Versetzung der Landtagsdirektorin in den einstweiligen Ruhestand. Der Vizepräsident von der SPD hat das schon vor der zweiten Sitzung des Ältestenrates, in der Streichungen der Direktorin in einer Zuarbeit des Juristischen Dienstes für eine Klageerwiderung des Innenausschusses im Organstreit mit der CDU-Fraktion erörtert werden sollten. Man kann also getrost vermuten, der Sozialdemokrat sei mit einer vorgefertigten Meinung in die Sitzung gegangen. Begleitet wird der Vorstoß von einer Verschärfung der Vorhaltungen gegen die Thüringer Spitzenbeamtin. Sagten Fraktionsspitzen nach der ersten Sitzung noch, das Vertrauen sei „arg angekratzt“, hieß es ebenfalls vor der zweiten Ältestenratssitzung, das Vertrauensverhältnis sei „enorm zerrüttet“. Präsident und Direktorin sollen die Vorwürfe gleichermaßen treffen. CDU-Filz sieht Rot-Rot-Grün in der Landtagsverwaltung.
Im Kern des Streites geht es mittlerweile auch um die Frage, was die Landtagsverwaltung den Abgeordneten schuldet. Neutralität und Kompetenz, auch sachkundige Schriftsätze, ohne Frage. Doch auch Einsicht darein, wie Gutachten entstehen, wie die Beamten sich miteinander darüber austauschen? Um diese Frage zu beantworten, berief der Landtagspräsident eine externe Kommission, die die Rechtsverhältnisse zwischen Verwaltung und Abgeordneten klären soll. Das verärgerte die Regierungsfraktionen. Es werde „unappetitlich und ungemütlich“, kündigte der SPD-Fraktionschef nach der ersten Sitzung des Ältestenrates an. Das ist es. Mittlerweile ist das Wort von einer „sozialistischen Säuberung“ in der Welt. Das hängt ja irgendwie mit dem Streben nach Hegemonie zusammen, wie man aus der Geschichte kennt.