Alles war schon da

Manchmal sind Parteien selbstvergessen. Manchmal aus gutem Grund. Besonders in Wahlkampfzeiten ist das zu beobachten, wenn den Wählern Neues präsentiert werden muss. Die SPD hat sich einen Spitzenkandidaten verordnet, der erst noch mit den Insignien ausgestattet werden muss und dem schon die Herzen zufliegen. Nach jedem öffentlichen Auftritt. Die Mitgliederzahlen steigen, die Umfragewerte ebenso. Manche Erhebungen sehen die SPD, die sich schon das Etikett 20-Prozent-Partei erarbeitet hat, vor der Union. R2G ist machbar, heißt es aus Teilen der Linken, aber auch R2G sei keine Option für die Bundestagswahl im September. 
Martin Schulz füllt Säle und befeuert die politische Debatte. Mal erwärmt er die Herzen mit emotionaler Zuwendung zu einer Verkäuferin aus Essen, diskutiert die Frage des Mindestlohns und merkt nicht, dass eine Frau, die mit 24 Stunden Wochenarbeitszeit und etwa 1500 Euro Netto fast das doppelte des Mindestlohns bezieht. Dass man mit 1500 Euro keine großen Sprünge machen kann ist aber unbestritten.
Jetzt entdeckte er den 50-jährigen Arbeitnehmer, 36 Jahre in ein und demselben Betrieb, der Angst vor sozialem Abstieg bei unverschuldeter Arbeitslosigkeit hat. Eine begründete Angst. Schulz verspricht, sich der Sache anzunehmen, etwas zu ändern und die Sozialdemokratie jubelt. „Niemand, der sein Leben lang rentenversichert war und über viele Jahrzehnte gearbeitet hat, darf im Rentenalter auf Sozialhilfeniveau kommen, nur weil er unverschuldet arbeitslos war oder in den Niedriglohnsektor gedrückt wurde.“ Den Satz hätte Schulz gesprochen haben können. aber er ist fünf Jahre alt, stammt vom Juli 2012, von Sigmar Gabriel, der 2017 lieber Außenminister werden wollte als Kanzlerkandidat und der nie erfahren wird, was geschehen wäre, hätte es solche Sätze in diesem Jahr wiederholt. „Die Ausweitung des Niedriglohnsektors war falsch“. Die SPD müsse nach der Agenda 2010 über eine „Agenda 2020“ reden. Auch dieser Satz stammt von Gabriel. Ihm wie seiner Partei haben die Erkenntnisse nichts genutzt. 
Dass die,Agenda 2010 nachgebessert werden müsse, sagte er mindestens noch einmal seiner Partei im Mai vergangenen Jahres. „Wir müssen uns fragen, ob wir den Gerechtigkeitshunger unserer Zeit ausreichend begreifen“. Die Zielvorgabe hat nichts weiter bewirkt, als dass Gabriel einem anderen Platz machte, dem man jetzt zuschreibt, er sage Überraschendes, Inspirierendes auf authentische Art. Dabei war alles schon da. 

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