Frau Reichinnek von die Linke möchte im Sozialismus leben. Notfalls mag der Weg dahin vom Ruf „Auf die Barrikaden!“ (Fäustchen in die Luft gereckt) begleitet werden. Im Bundestagsplenum die Politikerin, die Hyänen für sympathische Tiere ausgibt, den Ruf ja schon mal geübt. Ne parlamentarische Tradition sollte das nicht werden.
Damit Menschen, die den Sozialismus am eigenen Leib erlebt haben – derer gibt es noch etliche – nicht denken, es solle wieder so werden, wie es mal war, behauptet die Linke, das, was in der DDR geherrscht hat, war kein Sozialismus. Sie ist zwar Mitglied einer Partei, die rechtsidentisch ist mit der SED, nimmt es aber mit dem Studium der Dokumente von Partei und Regierung nicht sonderlich genau. Ihr kann Auskunft zuteil werden. Achtung, das wird nicht als Teilnahme am Parteilehrjahr angerechnet und auch nicht als Schule der sozialistischen Arbeit.
1952, mit der 2. SED-Parteikonferenz war der planmäßige Aufbau des Sozialismus beschlossene Sache. Es folgte 1953 der 17. Juni. 1958, auf dem V. Parteitag der SED, verkündete der Genosse Ulbricht (einhellige Zustimmung der Delegierten, der Tag sei nicht mehr fern, „an dem auch alle Werktätigen der DDR das lichte Gebäude des Sozialismus errichtet haben werden. (Man beachte die grammatikalische Finesse der Verwendung des Futurum II) Weil zu viele trotz all der Segnungen nicht am weiteren Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft teilhaben wollten, folgte am 13. August 1961 der Befehl: „Grenzen dicht“.
Der sozialistische Aufbau ging einher mit der Propagierung verschiedener ökonomischer Modelle. Aus der Neuen ökonomischen Politik Lenins wurde 1963 das „Neue ökonomische System der Sozialistischen Planung und Leitung“. Reformen, mehr Eigenverantwortung für volkseigene Betriebe, Aufschwung, Furcht der führenden Partei um ihre Führungsrolle. Der Schöpfer des NÖSPL, Erich Apel, der Chef der staatlichen Plankommission, dem man nachsagte, er sehe durch Verträge mit Moskau eine zu starke Abhängigkeit von der Sowjetunion, erschoss sich 1965. Folgt ein kurzer Einschub eines Witzes, der nicht nur in SED-Kreisen kursierte: „Frage: Wann hat sich Apel erschossen? Antwort: Kurz vor Mittag (für die, die es nicht wissen können, es handelt sich um ein Wortspiel mit dem Namen des SED-Wirtschaftslenkers Günter Mittag). Dem Tot Apels und des NÖSPL folgte 1967 das Ökonomische System des Sozialismus (ÖSS). Hier muss also schon die Frage gestellt werden, welcher Sozialismus nach Ansicht Frau Reichinneks in der DDR nicht geherrscht hat. Um dem ÖSS zum Sieg zu verhelfen mussten Opfer gebracht werden – nicht nur kleine produzierende Betriebe wurden ab Anfang der 70er Jahre enteignet. Den Enteigneten wurde nicht selten „angeboten“, ihren ehemals eigenen Betrieb nunmehr als „sozialistischer Leiter“ weiterzuführen. Zynismus pur. Nicht jeder wollte das. Frau Reichinnek kann ja in ihrer Fraktion ja mal nachforschen lassen, wie viele ehemalige Eigentümer in einer sozialistischen Haftanstalt gelandet sind, weil sie „uneinsichtig“ waren. Und dann – Zeitsprung – 1989, als dem Sozialismus die Menschen davon liefen. Da muss man schon an den amerikanischen Historiker Carl Sandburg denken: Stell dir vor, es gibt Sozialismus und nur die Linke will hin.
Als das gesetzmäßig siegreiche sozialistische Lager noch existierte konnte man registrieren, dass die Sehnsucht nach sozialistischen Verhältnissen dort größer war, wo sie nicht herrschten als dort, wo sie nicht herrschten. Dort, wo es Westgeld gab. Dieses Phänomen hat offenkundig nicht nur einen geografischen Faktor, sondern auch einen zeitlichen. Hegel hatte Recht. Geschichte wiederholt sich, diesmal als Farce.