Nicht Kaisersülze, Presssack

Nun ist der neue Bundestag da. Seit fünf Tagen. Und er begann mit ner Enttäuschung. Was war nicht damit kokettiert worden, dass Gregor Gysi als der dienstälteste Abgeordnete gewiss eine fulminante Rede halten würde. Gysi der linke Rhetor. Bekannt aus zahllosen mehr oder minder kurzen Auftritten im Fernsehen und anderen Gelegenheiten. Hoch fuhren die Erwartungen auf einen Geistesblitz nach dem anderen, dass ein Aperçu das andere jagen würde. Eine sprachlich geschliffene Steigerung hin zur Klimax. Am Ende wurde es die Enttäuschung der Woche.

Da muss man sich nicht einmal die Vorwürfe zu eigen machen, dass nach der Änderung der Geschäftsordnung nicht der/die älteste Abgeordnete die Konstituierung leiten würde, sondern der/die mit dem härtesten Sitzfleisch. Und so wurde es durch diese Regelung – das war die Absicht – nicht ein Abgeordneter der AfD, sondern der letzte Vorsitzende der SED. Nein es war Gysis Vortrag selbst, von dem die Fraktionschefin der Linke tatsächlich als Resümee behauptete, sie hätte nach stundenlang zuhören können. Es gab in den 60ern nen amüsanten Tierfilm, in dem neben anderem afrikanischem Getier der Savanne ein kleines Warzenschwein gezeigt wurde: Kommentar aus dem off: „ein Gesicht, das nur eine Mutter zu lieben vermag.“ Auf dieser Ebene bewegte sich das erregte Lob der Genossin.

Dabei hätte es genügt, Gysi hätte „Guten Tag“ gesagt, „Ich eröffne hiermit den 21. Bundestag“ und dann hätte er ne Liste verteilen lassen können mit Zitaten zu Themen, die er hier und da schon im TV, im Rundfunk angesprochen hat. Für die Digital-Affinen Abgeordneten gern mit Links zu den einschlägigen Präsentationen im Intetnetz versehen und aus die Maus. Er hätte sich so nicht entzaubert. Vom Kommentator im Ereignissender Phoenix konnte man erfahren, dass schon ein Bundestag mit lapidaren drei Sätzen eröffnet worden sei. 60 Jahre zuvor von Konrad Adenauer. Das wäre n Knalleffekt.

Gysi wollte unbedingt ne lange Rede halten. Und die Anzahl der Abgeordneten, alt wie neu, die während dessen auf ihren Handies rumdattelten, kann als Maß dafür genommen werden, wie wenig packend, wie wenig überraschend, wie wenig anregend Gysis Auslassungen waren. Es bot sich ein Bild des Jammers. Der sonst Gysi gewogene Kommentator nannte die Rede einen Presssack.

Und dem Redner unterlief unter anderen der Fauxpas, Clara Zetkin, die gerne als Alterpräsidentin eines Rätekongresses nach sowjetischem Vorbild fungiert hätte, in eine Reihe zu stellen mit Paul Löbe, Herbert Wehner und Willy Brandt. Und so verwechselte er auch Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke, genannt der Große Schweiger, (Alterspräsident des Reichstages 1884) mit dessen Urgroßneffen Helmuth James Graf von Moltke (als Mann des 20. Juni am 23. Januar 1945 von den Nazis hingerichtet). Da konnte auch die Aufzählung der für Christbäume je nach Herkunft und Beschaffenheit amüsant verschiedenen Umsatzsteuersätze nichts mehr rausreißen.

Nicht Kaisersülze, Presssack – ein Abstieg. So geht das, wenn man eine Ankündigung der Aktivitäten als parlamentarische und außerparlamentarische Opposition, eine Auflistung der angeblich unabweisbaren Forderungen der Linke, als angemessenen Inhalt einer vielleicht auch für andere wichtigen Rede vermutet. Und wenn man dann noch von einem Genossen für einen Menschen ausgegeben wird, der sich der deutschen Einheit verpflichtet fühlt, nachdem man knapp 35 Jahre zuvor in der Volkskammer gegen die deutsche Einheit gestimmt hat, dann wird ne Diskrepanz deutlich.

Und der Blick wird frei auf den Versuch der Fortsetzung der DDR und der Finanzierung all ihrer Errungenschaften mit Westgeld. Quasi Sozialismus nur mit Euro. Dass selbst Kapitalismus – soziale Marktwirtschaft – mit Euro immer schwerer zu finanzieren ist, auch das wurde in dieser Woche im Rahmen des Gewürges um eine Regierungsbildung durch CDU und SPD richtig deutlich. Ne Entschuldigung für Gysis nur von seinen Genossinnen und Genossen für gut befundenen Redebeitrag ist das nicht.