Der Exorzismus der Alice W.

Vor vielen Jahren, in einer anderen Bundesrepublik, wollten die Liberalen eine Bundestagswahl mit einem einem eigenen Kanzlerkandidaten bestreiten. Weil deratig Außergewöhnliches – wie vieles anderes auch – eines Vorstandsbeschlusses bedarf, wurde einer gefasst. Für Journalisten ein Thema. Die Liberalen ohne Koalitionsaussage und mit einem eigenen Kanzlerkandidaten im Wahlkampf. Einem Homosexuellen.

Ein Berichterstatter einer großen Münchener Tageszeitung setzte eine Meldung ab mit dem Drive, es habe in der Beratung kritische Stimmen gegeben. Ob das dem Wähler und seiner lieben Frau zuzumuten sei? Die Meldung fand selbstverständlich den Weg in die Nachrichtenagenturen. Ein kurzer Anruf bei der erfahrenen Journalistin, die für die einstmals große TA mit zunächst Bonner, später Berliner Personal Interviews führte und „Stimmen ranholte“. Der Vorgang löste bei der Frau Interesse aus und sie ließ ihre sehr guten Kontakte zu den Liberalen spielen, auch zu solchen, die bei der Beratung dabei waren. „Die sind aus allen Wolken gefallen, als ich denen die Meldung vorgelesen habe“, schilderte sie die Reaktionen. Nix von dem, was in der Zeitung stehen sollte, habe die Debatte getragen.

Warum ich das erzähle? Weil ich mich an diese Episode durch die Art und Weise erinnert fühle, in der das Privatleben einer derzeitigen Kanzlerkandidatin zerlegt werden soll. Wie der Journalist es damals tat, wird heute in zahlreichen TV-Sendungen eine Öffentlichkeit herstellt, die sich an dem Lebensstil der Frau reibt. Da sagt ihr ein queerer junger Mann tatsächlich, er habe Angst, dass ihre Partei Homosexuelle „vielleicht in Gefängnisse und KZ“ stecken werde. Sie sei doch auch homosexuell und habe folglich in der Partei nix zu suchen. Der junge Mann muss so reden. Der junge Mann ist Beisitzer im Ortsvorstand der Grünen in Hameln. Er will in seiner Partei gewiss noch was werden. Er nimmt der Politikerin, die er ablehnt wohl auch übel, dass sie sich partout nicht als queer bezeichnet. Lesbisch zu sein reicht ihr.

Ein anderes Mal muss die Politikerin geduldig ihren Lebensentwurf vor einer älteren Dame ausbreiten und ihr versichern, dass der in der Partei Platz habe. Sie kenne die Partei und die Mitglieder. Weiß das der Höcke, fragt die Dame spitz zurück. Als hätte der nicht genügend Gelegenheit gehabt, mit seiner Parteifreundin über deren Leben zu reden und zu versuchen sie auf den angeblichen Pfad der Partei zurückzuführen. Wenn er gewollt hätte.

Höhepunkt, das Fernsehen berichtet von einem Dreh am Bodensee, wo die Politikerin einen Wohnsitz hat und fragt sie doch tatsächlich, wie oft sie in der jüngeren Vergangenheit „ am Bodensee“ gewesen sei. Also, gemeint ist die deutsche Seite. Die Frau findet die Frage blöd. Sie sagt, der Reporter wolle damit etwas suggerieren. Was selbst der dümmste Fernsehzuschauer durchschauen kann. Sie bricht dann die Aufzeichnung ab, weil sie die inquisitorische Fragerei abstößt. Schnitt. Ihrem Co-Vorsitzendem wird die – ohne erkennbaren Zusammenhang – harmlose Frage gestellt, wie viele Tage er zu Hause gewesen sei. Und ob er die Frage unangemessen finde. Das verneint der. Und die Falle schnappt zu.

So werden für den geneigten Zuschauer zwei unterschiedliche Lebensentwürfe gegeneinander gestellt. Hier die Frau in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft mit zwei Kindern und mit Wohnsitzen in der Schweiz und am nördlichen Bodensee-Ufer, in Überlingen – dort findet man auch vorgebliche Nachbarinnen, die dem Reporter sein Vorurteil bestätigen. Ja man sehe die Politikerin sehr selten. Dort der Malermeister mit Töchtern und eigenem Betrieb in einem sorbischen kleinen Ort in Sachsen. Und immer wieder wird der Komplex Wohnsitz der Politikerin eingeleitet mit „Sie als Patriotin…“ Dabei wäre alles so einfach. Man gehe zu einem Gericht und lasse feststellen, ob die Lebensumstände der Frau und die rechtlichen Grundlagen für eine Bundestagskandidatur kongruent sind.

Was ausweislich der Umfragewerte der Partei über die „politische Auseinandersetzung“ nicht gelingt, soll offenkundig die Denunzierung ihrer Lebensverhältnisse bringen. Und dazu muss eine Öffentlichkeit hergestellt werden – das geht in vermeintlich alle Kandidaten gleichmäßig piesackenden Fragerunden im TV vortrefflich. Wenn da nicht immer wieder die Episoden wären, in denen nach Straßenbefragungen oder Befragungen in TV-Studios knappe Recherchen im Internet enthüllen, dass die eine oder andere Gesprächspartnerin bei den Grünen für dieses oder jenes Amt kandidiert hat, der eine oder andere Fragesteller SPD-Mitglied ist oder Linker. Und immer wieder führen die Gesprächspartner die Reporter und Redakteure hinter die Fichte. Die armen Journalisten. Ihr Exorzismus klappt nicht.

p.s. Dass der erwähnte junge homosexuelle Mann Funktionär der Grünen ist, wurde nach Veröffentlichung des Beitrags bekannt.