Überlegung beim Enkelin-Besuch

Enkelin 1 und Enkelin 2 sind zu Besuch. Das erste Mal, ohne Eltern, über mehr als eine Woche. Und wie es der Zufall so wollte, auch am Tag, als das von interessierter Seite so hoch gelobte Selbstbestimmungsgesetz in Kraft trat. Angesichts dessen erinnerte ich mich an einen Auftritt einer SPD-Bundestagsabgeordneten, die sich in einer Plenarsitzung-Rede doch tatsächlich dafür stark machte, dass schon Sechsjährige über ihr Geschlecht befinden können sollten. Und ich grübelte.

Weil ich bei beiden Mädchen eigenwilliges, schwer interpretierbares Verhalten – im Sinne des Selbstbestimmungsgesetzes – feststellen musste. In einem Moment stürzen sie sich auf Schminkzeug – Lippenstift, Nagellack und sowas – und gehen derartig aufgewertet, selbstbestimmt mit den Großeltern in die Stadt. Man sollte annehmen, dass das mehr sei als ein anerzogenes Rollenbewusstsein. Die Mädels schleppen auch abwechselnd Elisabeth durch die Wohnung und setzen die Babypuppe neben sich zum Essen. Mädchen, so weit so gut.

Doch dann lassen sie sich auf alle viere herunter und stürzen bellend oder galoppieren wiehernd durch die Wohnung. Gern sitzt dann die Kleinere der beiden auf ihrer Schwester und treibt die mit „Hüh“ zu einer schnelleren Gangart an. Mit welchen Namen sie in diesen Situationen angesprochen werden wollen, verrate ich nicht. Ihnen steht immerhin ein gewisses Maß an Diskretion zu. Aber ich mache mir Gedanken, ob sie Pansen im Hundefutter mögen würden oder wie viel Hafer im Pferdefutter sein müsste, um sie angemessen zu ernähren. (Dass man Pansen essen kann, wissen sie noch nicht einmal. Vor Jahrzehnten überraschte eine mittlerweile verstorbener Fernsehkoch mit einem Pansenrezept mit Champagner die Gastro-Öffentlichkeit. Die Mädels müssen das nicht wissen. Haferflocken mögen sie als Mädchen im Porridge.)

Sie gehen beide mit ihrem jeweiligen Identitätswechsel geradezu spielerisch um. Sie nehmen mir es auch nicht übel, wenn ich ihre verschiedenen Identitäten anspreche. Wir reden ja über ihre Wirklichkeit. Sie streiten nicht ab, dass sie mal Hund waren und mal Pferd und mal kleine Mädchen sind. Sie suchen ja noch ihre Identität. Das macht mich locker.

Ich weiß aber noch nicht, wie sie darauf reagieren würden, wenn eine der beiden in ein Paar Jahren, vielleicht schon als 15-Jährige, das Mädchen sein und das Hund und Pferd sein hinter sich lassen würden und dann in öffentlicher Runde davon berichtet würde. Wären sie lediglich peinlich berührt, würden sie es zu erkennen geben? Wie müsste man ihr Rechtsempfinden in der Zwischenzeit konditionieren, damit sie akzeptierten, dass man für das Erzählen einer Jahre zurückliegenden Wahrheit bestraft würde? Dass es Menschen gibt, die das für gut und erstrebenswert halten, muss sie noch nicht interessieren. Sie dürfen ja noch nicht wählen.

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