Deutschlands gebeutelte Zeitungsverleger rüsten zu einem Kampf, den sie vor Jahrzehnten, zu anderen Bedingungen schon einmal verloren haben. Weil Printausgaben an Profitabilität verlieren, richten sie seit Jahren den Blick auf das Internet und Online-Ausgaben ihrer Zeitungen. 2025, zieht die TAZ-Genossenschaft als Erste die Konsequenz, wird die Printausgabe eingestellt. Um die Insolvenz abzuwenden.
Nach vielen Jahren, während derer Zeitungsverlage ihre Produkte in Online-Ausgaben kostenlos anboten, sind sie dazu übergegangen, Nachrichten, Berichte, Reportagen und Kommentare nur gegen Entgelt hinter einer Paywall bereitzustellen. Daneben präsentierte Werbung soll die Ökonomik verbessern. Doch im Internet treffen die Verlagsangebote auf gleichgelagerte vermeintlich kostenlose Produkte der Rundfunkanstalten der ARD und des ZDF. Vermeintlich kostenlos, weil jeder Haushalt – ob mit oder ohne Radio, TV oder Medien-Computer – mit seinem Rundfunkbeitrag das Online-Angebot mitfinanziert. Das solle so nicht weiter geschehen, fordern die Verleger.
Ganz zu Beginn dieser Entwicklung führten sie gegen die Rundfunkanstalten schon einmal einen Kampf darum, wer die so genannten neuen Medien gestalten dürfe. Aus Großbritannien kommend, erlangten Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts Technologien Marktreife, mit denen über das Antennensignal für das Fernsehen und Telefonnetze zusätzliche Informationen verbreitet werden konnten. Über engst begrenzte Wege. Internet? Nicht mal eine Vorstellung davon existierte; geschweige denn von dessen privater Nutzung. Stellvertretend sei an den Moderator des damaligen ARD-Ratgebers Technik erinnert, der noch Mitte November 1986 keinen Grund für die Nutzung von Personalcomputern daheim zu erkennen vermochte. Er berief sich zur Begründung seiner Meinung immerhin auf deren Hersteller.
Schon aus der Namensgebung waren Jahre zuvor Ansprüche abgewehrt oder abgeleitet worden. Was heute noch immer als „Videotext“, redaktionell von ARD und ZDF verantwortet, über manche Mattscheibe flimmert, reklamierten damals die Zeitungsverleger als „Bildschirmzeitung“ für ihre Redaktionen. Seiten zu je 24 Zeilen, 40 Zeichen pro Zeile in sieben Grundfarben, allenfalls einfache Grafiken – gemessen an heutigen Möglichkeiten hört sich das an wie mediales Mittelalter. Aber es war ein Anfang. Verbreitet wurden ganz zu Anfang Mitteilungen allgemeiner Art wie Fahrpläne, Flugpläne, Lottozahlen und -Quoten.
In den Zeitungsredaktionen erkannte man die Möglichkeit, eigene Produkte auf neue Weise an Abonnenten zu liefern. Darum erhob sich die Klage, die eigene Wettbewerbsfähigkeit würde geschmälert, würde Zeitungen und Zeitschriften die Nutzung verwehrt. 1979 gab es zur Internationalen Funkausstellung in Berlin den bundesweiten Start von Videotext mit 130 verschiedenen Informationsanbietern, darunter 11 Verlage mit 28 verschiedenen Titeln. Feldversuche unter anderem im Raum Düsseldorf und Westberlin folgten 1980. Der Start selbst dieser Tests war schleppend.
Der typische Nutzer – beschrieben von einem Meinungsforschungsinstitut – war damals noch keine 60 Jahre alt, besaß höhere formale Bildung und bezog als Angestellter in leitender Position ein überdurchschnittliches Einkommen. Der in Frage kommende Personenkreis wurde mit etwa 7 Millionen Bundesbürgern beziffert. Das schon galt den Anbietern damals als lohnend.
Im Jahr 2022 nutzten etwa 67 Millionen Menschen jeden Alters, jeglichen Bildungsgrades und Einkommens das Internet, so eine Online-Studie für ARD und ZDF. 33,4 Millionen Personen nutzten demnach das Internet mehrmals täglich, 12,7 Millionen sogar fast die ganze Zeit. Die Nutzerzahlen, so Statistiker, blieben 2023 gegen über dem Vorjahr konstant. Diese Zugriffszahlen nicht monetisieren zu wollen, wäre für die Zeitungsverlage angesichts sinkender Auflagen gerade bei Regionalzeitungen fahrlässig.
Schon vor Jahren deutete der Geschäftsführer der Thüringer Regionalzeitungen TA und TLZ an, es sei gewinnträchtiger, jedem Abonnenten zum Online-Abo ein i-Pad zu geben und die Druckerei zu schließen. Mittlerweile steht das Druckhaus in Bindersleben leer. Die Mantel-Redaktion der TA ist aus der blauen Laube wieder in die Erfurter Innenstadt umgezogen.
Die Pläne, sich vom Papier zu verabschieden, bekommen durch die Ankündigung der TAZ weiteren Auftrieb. Könnte man sich doch so unter anderem vom geldvernichtenden Vertrieb bei sinkenden Auflagezahlen verabschieden. Doch ist die Leserschaft der Regionalzeitungen so treu wie die Leserschaft der TAZ?
Wäre da nicht das vermeintlich kostenlose Nachrichtenangebot der Sender der ARD und des ZDF, die Zeitungsverleger würden wohl beherzter ausschreiten. Denn eine Parallele deutet sich ja an. In Deutschland taten die Fernsehzuschauer sich lange Zeit schwer damit, zum gewohnten gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Rundfunk (der DDR-Bürger sah jahrzehntelang ARD und ZDF bis 1990 sogar kostenlos) noch das kostenpflichtige Angebot des Privatfernsehens Premiere anzunehmen.
Dass von den seit 2021 18,36 Euro monatlichem Rundfunkbeitrag, Mehrbedarf wurde von den Rundfunkanstalten bereits angemeldet, lediglich 65 Cent für die Multimedia-Angebote der ARD ausgegeben werden, reicht als Argument dafür nicht aus, dass es den Sendeanstalten doch leicht fallen sollte, ihre Nachrichtengebung im Internet einstellen. Es wird wohl noch gewichtigerer Argumente bedürfen. Die Zeitungsverleger beklagen wieder „mangelnde Klarheit bei der Abgrenzung zwischen Presse und Rundfunk“. Öffentlich-rechtliche Telemedien-Angebote dürften nicht „presseähnlich“ sein.
1979 hat der ARD-Vorsitzende Vorschläge zur Selbstbeschränkung bei der Durchführung der Videotext-Feldversuche ins Gespräch gebracht; im Interesse der Zeitungsverleger. 10 Tage später ging der ZDF-Intendant noch über die ARD-Angebote hinaus. Die Zeit ging darüber hinweg, wie sich zeigt.