Eine Woche vor den zwei wohl wichtigsten Landtagswahlen in den neuen Bundesländern – Solingen. Genau gezirkelte Messerstiche in den Hals jedes Opfers – bislang drei Tote, acht Schwerstverletzte. Es hätte nicht Solingen sein müssen, es hätte kein Volksfest sein müssen. Jede Menschenansammlung wäre gefährdet, ist potentiell gefährdet. Das weiß die Öffentlichkeit, das wissen die Ermittler, wenn auf ne Pressekonferenz nach der Tat ein Polizeiführe sagt: „Jeder muss mit sich ausmachen, ob er zu Festivitäten geht, ob er zu Fußballspielen geht, ob er im öffentlichen Personennahverkehr unterwegs ist.“ Das ist das Ende des Sicherheitsversprechens eines Staates, für den noch immer das Gewaltmonopol reklamiert wurde.
Und darauf hinzuweisen, wer für diesen Zusammenbruch verantwortlich ist, gilt mindestens als unschicklich. Oder gar rassistisch, wenn so getan wird, als würde die Straftat eines Einzelnen zugleich allen seiner Landsleute angelastet. Das ist der modus operandi, nachdem die notwendige Debatte bishergern abgewürgt wurde. Das zeigte sich schon, als die Polizisten nach dem Motiv des Täters zu forschen vorgaben, als läge das nicht auf der Hand, wenn in einer feierlaunigen Öffentlichkeit Leuten mit, wie man jetzt weiß, einem 20 Zentimeter langen Küchenmesser in den Hals gestochen wird. Als gäbe es eine rationale Erklärung für solch abscheuliches Verhalten. Nein, die Tat selbst verdeutlichte die Absicht. Terror, Angst verbreiten. Nicht Massenvernichtung wie an einem 11. September und an einem 7. Oktober. Massenverängstigung. Töte drei – kujoniere viele.
Muss man lange darüber sinnieren, ob sich in der Religion, der der Verdächtige anhängt, Begründungen für derartige Taten finden ließen? Eine Religion, die seit ihrer Entstehung aggressivstes Ausbreitungsverhalten an den Tag legte und die im 21. Jahrhundert im Westen auf eine Gesellschaft trifft, in der der Glaube an einen Gott als Privatsache angesehen wird und aus dem allenfalls indirekt politisches Vorgehen abzuleiten sei
In den 90er Jahren des vorhergehenden Jahrhunderts mühten sich westlich sozialisierte Muslime um einen Euro-Islam. Einer ihrer Vertreter machte in einem seiner Bücher zu Islam und Islamismus darauf aufmerksam, dass es schon wenig Gemeinsamkeiten zwischen einem Muslim aus Damaskus – der Hauptstadt des Heimatlandes des Verdächtigen und einem „vom Land“ gäbe. Zwischen damals und heute liegen viele Jahre Krieg im Irak, Krieg in Syrien, Krieg in Afghanistan. Alle endeten sie im Großen und Ganzen mit dem Rückzug westlicher Truppen, die unter der Maßgabe geschickt worden waren mit dem Sieg gegen Islamisten verbinde sich der Sieg der Demokratie nach westlichem Vorbild. Fehlanzeige – was massenhaft gekommen ist? Flüchtlinge, denen das aufgeklärte Menschenbild mindestens egal ist, wenn sie es nicht ablehnen oder gar bekämpfen, wie am Samstag in Solingen.
Und von Polizeiführern und Politikern muss man sich als Konsequenz aus einem versuchten Massenmord die Binse anhören, es gebe in einer offenen Gesellschaft keine absolute Sicherheit.
Nachtrag: als dem Abkommen von Oslo zwischen Israel und PLO zahllose palästinensische Bombenanschläge an Kreuzungen, an Bushaltestellen, in Bussen folgten, sagten nicht wenige Israelis: wenn das Frieden ist, will ich ihn nicht. Die offene, westliche Gesellschaft steht 30 Jahre später vor einer nämlichen Herausforderung.