34 Jahre ist es bald her, dass sich der eine Teil des deutschen Volkes, der kleinere, dem anderen Teil – der wirtschaftlich und ausweislich dieser Entwicklung politische erfolgreichere – angeschlossen hat. Mit großem Bohey, als die harte Währung aus dem großen Landesteil verteilt wurde. Feuerwerk und feierliche Musik am Tag der Deutschen Einheit. Die Zahl derer, die die zementierte Herrschaft der Partei der Arbeiterklasse abgelehnt und auch bekämpften hatten, betrug, hart geschätzt, nicht mal zwei Prozent der Bevölkerung von etwa 17 Millionen. DDR-Historiker berichteten damals, dass sie in Befragungen zur Zahl der Widerstandskämpfer im Dritten Reich die Schätzung der Befragten auf einen ähnlichen Wert drücken mussten. Die Erzählungen vom heldenhaften Kampf Ernst Thälmanns und der späteren Mitglieder der Partei- und Staatsführung hatten deutlich höhere Annahmen provoziert.
Nicht einmal alle derjenigen, die gegen staatliche Gängelung und Unterdrückung opponiert hatten, sehnten diesen Tag der Einheit herbei. Dem Rest war es egal, andere begrüßten freudig den Tag mit hochauffahrenden Hoffnungen. Westgeld, Reise-Freiheit, Videorecorder. Schon der Besitz von Westgeld galt als Symbol von Wohlstand. Dass wenig Westgeld mit wenig Wohlstand einher geht, konnten die sehen, die sich jeden Abend via Fernseher in den Westen verabschiedeten. Das war außer dem Raum Dresden, abgekürzt ARD, und einigen Menschen im östlichen Vorpommern der überwiegende Teil der DDR-Bürger – abzüglich mancher Polizisten und NVA- und Stasi-Offiziere.
Hätten Sie’s gewusst und Tiktak-Quizz, Dallas und Denver, Wetten, dass und Thoelke, Am Fuß der blauen Berge, Bonanza und Cowboys waren Gesprächsthemen wie auch Kennzeichen D oder Monitor. Tagesschau und Heute setzten jahrzehntelang tagtäglich Themen, über die der Zuschauer auch im Osten des Landes mit Bekannschaft und Verwandten diskutierten. Aus dem Westfernsehen erfuhr der DDR-Bürger, dass weit im Osten, bei den Freunden, etwas Furchtbares passiert sein musste. Da dementierten Parteifunktionäre vor ihren Genossen noch steif und fest, dass die steigenden Becquerel-Zahlen Klassenfeind-Propaganda seien. Der DDR-Bürger wurde wohl vom Westfernsehen stärker beeinflusst und auch sozialisiert als vom DDR-Fernsehen.
34 Jahre nach dem freudigen Ereignis – der ehemalige DDR-Bürger seine Kinder und mancher Enkel geben in Wahlumfragen zu verstehen, dass sie mit der Politik der Regierenden, in Erfurt Linke-geführt, in Dresden CDU-geführt, in Potsdam SPD-geführt, nicht einverstanden seien. Und sie zeigen Präferenzen für eine Partei, die vom Verfassungschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Neuerdings fliegen seine Sympathien zuhauf auch einer Partei zu, die Linke-Funktionäre als „von ihrem Fleisch“ verteufeln. Konvertiten wurden von der Orthodoxie schon immer verteufelt.
Damit der einen wie der anderen Partei nicht doch so viele Wählerstimmen zufliegen, wie erfragt, werden von der Konkurrenz beide Parteien von denen in einen Topf geworfen, die noch vor Monaten die Hufeisentheorie eines Chemnitzer Extremismus-Forschers als aufgesetzten Blödsinn abgetan haben. Und, um noch einen drauf zu setzen, werden all die Wähler der beiden Parteien als diktaturgeschädigt eingestuft. Doch Umfragen wie der Thüringen-Monitor 2023 zeigen, etwa 88 Prozent der Befragten erachten die Demokratie für die beste Gesellschaftsform. Die Zustimmungswerte zu der Weise, wie sich die Demokratie derzeit darbietet – wer hätte das gedacht – sind mit 45 Prozent wesentlich geringer.
Das Wahlverhalten der Unreife der Wähler zuzurechnen, die nicht anderes wählen als AfD oder BSW, hat den Charme, dass man sich nicht selbst hinterfragen muss und munter fordern und verkünden kann „Mehr vom Selben!“ Die Erzählung von der Dikatur-Schädigung kann jedoch für die Enkelgeneration nicht mehr gelten. Auch von der wählt ein Großteil, das zeigen Befragungen, AfD. Wie gut, dass man behaupten kann, die geschädigten Großeltern gäben ihre Vorbehalte gegen die Demokratie und ihre Einrichtungen weiter, so wie die Kriegserlebnis-Generation in Ost und West ihre Traumata an ihre Kinder weitergegeben hat.
Diese Art der Pathologisierung von Ablehnung hat ungeahnte Grenzen. Seit 2015 kommen in großer Zahl Menschen aus Ländern hierher, die in ihrer Heimat, sei es der Irak, sei es Syrien oder Afghanistan, erst kurz doppelter Unterdrückung entkommen sind – der der Diktatur in ihrer Heimat und der einer fundamentalistischen Auslegung des Koran. Was bei Ostdeutschen binnen 34 Jahren – immerhin eine Generation – angeblich nicht erreicht werden konnte – die rückhaltlose Akzeptanz der Demokratie so, wie sie jenseits von AfD und BSW beschrieben wird, wie soll das bei den Flüchtlingen gelingen. Derzeit wird wieder einmal debattiert, ob deren Zahl zumindest aus Syrien und Afghanistan beschränkt werden sollte. Es sieht nicht danach aus. Es seien ja nur wenige, die auf Terror sinnten, wird begründet.
Die Zahl der Nutznießer und verblendeten Anhänger der SED-Herrschaft jedenfalls, die mit Attentaten darauf aufmerksam machen wollten, wie sehr sie noch der Lehre des Marxismus-Leninismus anhängen, ist in 34 Jahren niedriger, als seit 2015 die Zahl der Attentäter die ausrufen „Allah ist der Größte!“
Gefällt mir Wird geladen …