„Wer zwei mal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Der heute garantiert als genderpolitisch unkorrekt zu verwerfende Spruch war Kampfansage der 68-er Spontis der Alt-BRD an überkommene Beziehungsmodelle, im Prinzip an alles Bürgerliche. Reale Macht erlangte die linke Idee hingegen nicht, sie vermochte nicht die Massen zu ergreifen. Zur gleichen Zeit war der Vorwurf, bürgerlicher Dekandenz anzuhängen, diesseits des antifaschistischen Schutzwalls gleichbedeutend mit dem Ende hierzulande möglicher Karrieren. Es konnte das abrupte Ende der Schulzeit auf einer Erweiterten Oberschule sein, mithin das Ende des Traums von einem Studium. Oder es konnte das Ende einer künstlerischen Karriere bedeuten. Kunst wurde als Waffe im Kampf der Arbeiterklasse einegstuft. Kunst um ihrer selbst willen zu schaffen, l’art pour l’art, wurde als bürgerlich verteufelt, war bäh, unproletarisch. Und wer der Arbeiterklasse abhold war, dem konnte die Vorhut der Arbeiterklasse ein furchtbarer Herr sein. Links hat Probleme mit dem Bürgerlichen, mit den Bürgerlichen.
Umsomehr verwundert es, dass in dieser Woche Linke, SPDler und pseudonymer Anhang zu bestimmen versuchten, was in der Politik als bürgerlich benannt werden dürfe und was nicht. Anlass dazu hatte die Moderatorin der mdr-Sendung am Sonntag zu den Wahlen in Sachsen und Brandenburg gegeben. Sie hatte einen wichtigen sächsischen CDU-Politiker nach einer möglichen bürgerlichen Koalition von CDU und AfD in Dresden fragte. Die AfD sei nicht bürgerlich antwortete der kurz. Damit hätte es sein Bewandnis haben können. Eine Journalistin fragte in engem zeitlichen Korsett einer Life-Sendung. Man muss ihre Sicht auf die Dinge nicht teilen. Man kann sie ablehnen, man kann ihre Schwächen in der Gesprächsführung ansprechen. Alles ok.
Doch was kam? Aus dem Internet ins richtige Leben und aus dem richtigen Leben ins Internet wurde die Friedensfrage gestellt. Sie hat „bürgerlich“ gesagt.
Rasch wurde das Argumentieren in der Sache vom Argumentieren ad hominem, vom Zerfleddern der Person abgelöst. Sie als arglos hinzustellen, mag ja noch als harmlos durchgehen. „Was für ein Journalismus“, wurde von der Spitze des Beamtenapparats der Linkspartei ostentativ gefragt, soll wohl heißen, die Betroffene habe vor einer Kamera nix mehr zu suchen. Die Schnittstellen zu Wortmeldungen sind nicht zu übersehen, in denen Teilen des mdr – was ja wohl Journalisten meint – „ein Hang zum Faschismus“ bescheinigt wird. In einer Ferndiagnose wurde die Moderatorin als AfD-Sympathisantin geoutet. „Der mdr rollt den Nazis schon einmal einen roten Teppich aus“, twitterte ein WDR-Kollege. Ein NDR-Reporter forderte, der mdr solle sich von der Moderatorin distanzieren „oder nach Gesprächen mit Verantwortlichen ‚andere’ Konsequenzen ziehen“.
Nun kann man derartiges ja als Einzelmeinungen abtun, als bloßes Blubbern in der Internet-Blase. Aber den mdr trieb das alles immerhin zu einer Art Versuch einer Entschuldigung. Und das kann man auch schon als eine Art Maßregelung auffassen.