Sie trugen eine Fahne

Im Spätjahr 89 fuhr ein Müllauto schwarz-rot-gold beflaggt durch Erfurt. Es war ein Fähnchen, keine Fahne und es schien mir das alles etwas verwunderlich. Es war die Zeit, in der „Wir sind das Volk“ skandiert wurde und noch nicht „Wir sind ein Volk“. Ich räume ein, mir war zu jener Zeit der erste Slogan sympathischer. Die, die gehen wollten, waren weg. Die, die dageblieben waren, machten sich Gedanken, wie man einen besseren Staat aufbauen könne. Von „konföderalen Strukturen“ zwischen der DDR und der BRD wurde wenig später gesprochen. Mit Schwarz-Rot-Gold über einem Land könne es noch eine Weile dauern, so die Ahnung. Zahlen wurden zur Begründung angeführt. Von der SPD hieß es, die deutsche Einheit sofort werde zu teuer. Alles hörte sich vernünftig an. Es ging dann alles, doch schneller, weil die Menschen die Einheit wollten und die anderen Parteien mit Ausnahme der SPD, der Grünen (Vergessen wir die Wiedervereinigung. Halten wir die nächsten 20 Jahre die Schnauze darüber.) und der PDS sowieso ein wenig nachhalfen. Ich war dabei, als der damalige Kanzler, nachdem er durch Menschenmassen auf dem Domplatz gedrängt worden war, von den Domstufen von einem blühenden Gemeinwesen sprach, zu dem Erfurt werden würden. Vor ihm Menschen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen. Der Spalt für ein geeintes Deutschland war in diesem Moment breit wie der Domplatz. Die Menschen würden sich die Einheit nicht mehr nehmen lassen. Etwas pathetisch formuliert, mit den schwarz-rot-goldenen Fahnen auf dem Erfurter Domplatz fing es an. Das mögen keine 240000 Menschen gewesen sein. Aber immerhin, sie und die Besatzung des Müllautos hatten recht. Selbst wenn ihnen die D-Mark wichtiger gewesen sein mag als das, was gemeinhin mit Rechtsstaat und Demokratie verbunden wird. Ihr Motto war „Einheit“.

240000 Menschen demonstrierten vor wenigen Tagen mit ernsthaftem Anspruch unter dem Motto „unteilbar“ durch Berlin. Damit konnte vieles gemeint sein, was Organisatoren und Teilnehmer als unteilbar ansehen. Was nicht gemeint war, war offenkundig, dass Menschen der Überzeugung waren, mit schwarz-rot-goldener Fahne an der Demonstration teilnehmen zu können. Sie wurden dafür attackiert.

1988 schlossen sich Bürgerrechtler in Ost-Berlin der Demonstration für die ermordeten KPD-Gründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an. Mit einem Plakat erinnerten sie an Rosa Luxemburgs Satz „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Die Staatsmacht schritt ein und die Bürgerrechtler fanden sich in Haft wieder. 2018 schritten übereifrige Demokraten gegen die Träger der schwarz-rot goldenen Fahne ein. Es ist unerheblich, ob die Angreifer das als Gewalt gegen Personen oder lediglich als Gewalt gegen Sachen angesehen haben. Erheblich ist, dass die Veranstalter, die sich mit Sicherheit als links verstehen, eventuell noch als libertär, gewiss nicht als totalitär, Tage später tatsächlich erklärten, die Regenbogenfahne sei erwünscht gewesen, die schwarz-rot-goldene aber nicht. Man wolle nicht für Nationalismus stehen. Deutlicher kann das Signal nicht sein:„Schwarz-Rot-Gold“ passt zu rechten Aufzüge und ist nix für Links. Und manche finden das noch gut.