Digital enteignet

In die Antennensteckdosen in meiner Wohnung ist eine kleine Frau gekrochen. Mit Lichtgeschwindigkeit huscht sie durch die Kabel von Dose zu Dose und spricht über die Lautsprecher wann immer ich ein Radio einschalte. Im Wohnzimmer, im Arbeitszimmer, im Schlafzimmer, im Bad. Dass die Verbreitung des analogen TV- und Radiosignals in meiner Region eingestellt worden sei, sagt sie und dass, um weiter fernsehen oder Radio hören zu können, ich einen digitalen Receiver bräuchte. Mein Kabelanbieter würde mich auf seinen Internetseiten darüber aufklären. Die Frau spricht früh zu mir und spät in der Nacht, wann immer ich das will. Dass ich enteignet worden bin, sagt sie mir nicht. Enteignet? Enteignet – entweder um die Stereo-Anlagen, die noch gut sind, aber kein digitales Antennensignal verarbeiten können und nur noch zum Wiedergeben von CD taugen oder um den Kaufbetrag für die nämliche Anzahl digitaler Receiver. Der billigste kommt um die 35 Euro. Widerstand ist zwecklos. Mit der Frau in den Antennensteckdosen kann man nicht verhandeln.

Nun bin ich ja ein sanfter Mensch und deshalb begab ich mich, um wenigstens einen digitalen Receiver zu kaufen, in einen Elektronikmarkt am Ort. Vor mir ließ sich eine ältere Dame wegen des gleichen Problems beraten. Sie hatte augenscheinlich nur ein einziges Radio, das den Dienst verweigert. Aber es schien ihr wichtig, Nachrichten zu hören und Musik. Und sie erkundigte sich darum nach einem neueren Gerät. Alles, was finanziell in greifbarer Nähe war, so bedeutete ihr der Verkäufer, würde ihr die gleichen Probleme bescheren. Alternativ, so sein Vorschlag, könne sie doch den Antennenengang statt des Kabelanschlusses mit einer Wurfantenne bestücken. Irgendwie hörte sich sein Vorschlag an wie: begeben Sie sich auf eine Zeitreise zurück in die sechziger Jahre, verzichten Sie auf die Sendervielfalt, die Ihnen das Antennenkabel beschert hat. Nehmen Sie die Qualitätsschwankungen in Kauf und freuen Sie sich darüber, dass Sie nicht auf Kristalldedektor, Kopfhörer und Mono-Ton zurückgeworfen wurden. Wie viele solcher Beratungsgespräche mag der Verkäufer wohl schon geführt haben und nach mir noch führen. Allein mein Kabelanbieter versorgt nach eigener Auskunft deutschlandweit 12,6 Millionen Haushalte. Warum werde ich an den Sinnspruch erinnert „Der gute Kaufmann befriedigt ein Bedürfnis. Der besserer Kaufmann erweckt es“?

Eine Alternative wäre Radiohören über den Fernseher, doch wozu bräuchte ich dann die Stereo-Anlage? Eine andere wäre eine weitere kleine schwarze Kiste, eine zusätzliche Fernbedienung, eine weitere dauerhaft belegte Sreckdose. Und das für jedes Radio, das ich nicht aussondern möchte. Anstatt Knopf drücken und, zack, Radiohören und Radiosender nach Belieben von vorbestimmten Speicherplätzen rasch aufrufen ab sofort nacheinander zwei Geräte anschalten und mit der Fernbedienung durch das durchaus reichhaltige Senderangebot von einem Lieblingssender zum andern zappen oder eine Liste mit den Programmplätzen anlegen. Wenn dass die neue, digitale Zeit sein soll, wer wollte so etwas? Ich nicht. Es ist einfach lästig. Aber wer vermag schon, sich gegen den Fortschritt zu wehren?

Neuer Streit steht ins Haus

Der Präsident des Thüringer Landtags gibt sein Amt zum 31. Oktober auf und will im kommenden Jahr nicht mehr für den Landtag kandidieren. Man könnte jetzt über seine als „persönlich“ charakterisierten Gründe für seinen Entschluss spekulieren. Mancher wird Frust darüber vermuten, dass seine Chancen, als Spitzenkandidat der CDU in den Wahlkampf einzusteigen gegen Null tendierten, seit das Steuerermittlungsverfahren gegen den CDU-Landes- und Fraktionschef eingestellt wurde. Fest steht, der scheidende Landtagspräsident sagt, er wolle nicht zu der Klasse gewählter Politiker gehören, die an ihren Posten kleben. Das kann doch als frohe Botschaft gewertet werden. Der gern von R2G öffentlich kolportierte Griff des Abgeordneten nach der CDU-Spitzenkandidatur ist jedenfalls Geschichte. Mithin uninteressant.

Viel interessanter sind die Weiterungen seines Schrittes. Kaum war die Rücktritts-Ankündigung in der Welt, da verlautbarte aus der Koalition einerseits, ganz selbstverständlich, man nehme den Entschluss mit Respekt zur Kenntnis. Andererseits wurde aber auch daran erinnert, wie unzufrieden ja R2G mit der Amtsführung des CDU-Politikers war. Er führe den Landtag – eigentlich kann nur die Landtagsverwaltung gemeint gewesen sein – „wie ein CDU-Ministerium“ behauptete die LINKE-Landes- und Fraktionschefin vor dem Hintergrund eines angeblich manipulativen Eingriffs der Landtagsdirektorin in ein Gutachten zur CDU-Klage gegen das Vorschaltgesetz zur Gebietsreform vor dem Verfassungsgerichtshof. Der Parlamentspräsident agiere nicht neutral. Ihn nach Paragraph 2 der Geschäftsordnung abberufen zu wollen, wäre angesichts der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit ein von Anfang an aussichtsloses Unterfangen der Koalitionsfraktionen gewesen. Vom damaligen Parlamentsvizepräsidenten von der SPD wurde die Versetzung der Landtagsdirektorin gefordert. Man schlug den Sack und meinte doch den Esel. Die Spitzenbeamtin ist noch im Amt.

R2G machte im Zuge des damaligen, nicht zu Ende gebrachten Streits vor allem deutlich, dass man die Wahl des CDU-Mannes zu Beginn der Legislatur als einen Unfall, mindestens als eine Gefälligkeit betrachte, die man bereue. Daran zu erinnern, kann ja wohl nichts anderes heißen, als dass bei der im November anstehenden Nachwahl der größten Fraktion im Landtag der Posten streitig gemacht werden könnte. Revanche nehmen zu wollen, hieße das ja wohl. R2G wird das gegebenenfalls weit von sich weisen.