Damals und heute

Wer oder was ist Profumo? Eine Frage, an der ganze Jahrgänge von jungen Leuten verzweifeln dürften, die irgendwas mit Medien studiert haben und sich einem Aufnahmetest an einer Journalistenschule unterziehen müssen. Der Begriff hat nicht irgendwas mit Parfum zu tun, wie man vermuten könnte. Es ist ein Familienname. Der eines Engländers. 1915 geboren, Tory, mit 25 jüngster Unterhausabgeordneter. Mit knapp 48 am Ende der Fahnenstange. Davor kurze Zeit Kriegsminister. Gestolpert ist er, wie Männer so stolpern. John Profumo, angezogen vom Duft einer Frau stolperte darüber, dass er mit ihr außerehlichen Umgang pflegte. Doch nicht das Ding an sich verhagelte ihm alle hochfahrenden Karriere-Pläne, sondern die Tatsache, dass zur gleichen Zeit ein Marine-Attaché der sowjetischen Botschaft mit dem Model Umgang pflegte. Christine Keeler, so der Name, identifizierte wenig später den Russen als Spion. Es folgten die Entblößung der Affäre durch einen dankbaren Labour-Abgeordneten in einer Parlamentsrede, Profumos Dementi eines Fehltritts, ein Untersuchungsausschuss im Unterhaus, das Eingeständis und der Rücktritt 1963.

Wegen solcherart handfesten Verfehlungen – Fremdgehen im Verdacht, möglicherweise ausspioniert worden zu sein, verlor man damals ein politisches Spitzenamt. Das ganze dauerte knapp fünf Monate. Andere Spionageaffären, in deren Zentrum auch der sowjetische KGB stand, erschütterten den MI6 und die britische Politik bis in die Spitze. Das alles kann man bei John le Carré, in spannende Romane verpackt, nachlesen oder in Peter Wrights Buch „Spycatcher“, der als Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes MI5 darüber aus erster Hand berichtete.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute verliert man politische Spitzenposten wegen der Enthüllung, dass man einmal vor vielen Jahren eine junge Frau unangemessen flüchtig mit der Hand am Knie streifte, wie ein enger Vertrauter der britischen Premierministerin im Kabinett oder dass man vor 15 Jahren einer Frau bei einem Dinner eine Hand unangemessen aufs Knie legte, wie der konservative Verteidigungsminister Michael Fallon. Nun hatte der noch andere Probleme, die auch mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun haben. Der Kommandant eines britischen Atom-U-Bootes musste von Bord, weil er eine Beziehung zu einer 25-jährigen Frau Leutnant, einer direkten Untergebenen, unterhielt und neun andere Besatzungsmitglieder waren bei einem Drogentest positiv aufgefallen. Es kann darüber gegrübelt werden, ob eher das zum Rücktritt geführt hat oder doch die allgegenwärtige Debatte um Sexismus, sexuelle Übergriffe auf Frauen, ihre Berichte über versuchte oder vollendete Vergewaltigungen. Unter dem entsprechenden Hashtag #metoo (Ich auch) findet man bei Twitter in 140 Zeichen Hinweise auf durch ausländisch, südländisch, europäisch aussehende Männer versuchte Vergewaltigungen, Grabsch-Attacken, zotige Bemerkungen und ähnliches.

Es werden aber auch Karikaturen gepostet, in der ein altes Strich-Frauchen einem anderen berichtet, 1956 habe ihr Heinz Rühmann an den Hintern gefasst. „Stimmt das?, fragt die andere. „Nö“, die Antwort. „Klingt aber gut“. Ähnliche Wortmeldungen finden sich zu Hauf und Entrüstung darüber auch. Wann hätte es das nicht gegeben – die Benennung eines Problems und dessen gleichzeitige Karikierung. Einem Kind könnte man nicht erklären, dass die lautstark begrüßte Konsequenz auf sein Fehlverhalten 15 Jahre auf sich warten lässt. Wie „gut“ hatte es da Rainer Brüderle. Seinem Mieder-Statement gegenüber einer jungen Journalistin folgten der Bericht über den Fehltritt nebst Shitstorm im Abstand von nur einem Jahr.

Hinterlasse einen Kommentar