Der Wähler ist ein wunderlich Wesen. Und hin und wieder ist der Wähler brutal. Da beschert er der niedersächsischen SPD erstmals seit fast zwanzig Jahren wieder die meisten Mandate im Niedersächsischen Landtag – ein Grund zum Feiern, wahrlich. Doch zugleich raubt er der Partei den meistgewünschten Koalitionspartner, die Grünen – kein Grund zum Verzweifeln. Schon die Aussicht, mit nur einer Stimme Mehrheit fünf Jahre regieren zu müssen, wäre nicht berauschend gewesen. Über Rot-Grün hätte in Hannover fortwährend der Fluch der zurückliegenden Legislatur gehangen. Der Wechsel einer Grünen zur CDU, wir erinnern uns, hat die vorgezogenen Wahlen provoziert.
Weil die FDP vor der Wahl angesagt hat, für eine Ampel nicht zur Verfügung zu stehen, wird der alte und wohl neue Ministerpräsident, nachdem er mit allen Parteien außer der AfD gesprochen hat, letztlich bei der CDU als künftigem Koalitionspartner landen. Er könnte die Gespräche mit gestärktem Selbstbewusstsein führen, weil ja die SPD wirklich gewonnen hat, die Partei mobilisierte 238000 Nichtwähler, und weil die Christdemokraten verloren haben. Obwohl sie 166000 Nichtwähler anzogen hat. Bedenkenswert für die Christdemokraten, mit 99000 Wählern wanderten mehr als doppelt so viele von der CDU zur SPD wie mit 45000 von der SPD zur CDU. Das Problem der SPD: 27000 Wähler, die beim letzten Mal sozialdemokratisch gewählt haben, fanden das Angebot der Linke attraktiver, 28000 das der Grünen und immerhin noch 18000 das der Liberalen. Beide Parteien verloren etwa gleichviel frühere Sympathisanten an das Lager der Nichtwähler. Für Wegzüge und Todesfälle in den Hundertausendern kann keine der Parteien etwas. Warum es für die Grünen so schlecht lief? Vor allem, weil sie 116000 Stimmen an die SPD abgeben mussten, 35000 an die Linke, 33000 an die CDU und mit 21000 an das Lager der Nichtwähler fast doppelt so viel wie an die FDP. Für die Linke dürfte interessant sein, dass die AfD, die immerhin mit einem viel schlechteren Ergebnis in den Landtag einzieht als im Bundesdurchschnitt, 63000 vormalige Nichtwähler gewinnen konnte und sie selber nur 20000. Ein klarer Hinweis darauf, welche Partei Protestwähler derzeit preferieren. 10000 Wähler wanderten zudem von der Linke zur AfD. Auch Links kann flatterhaft sein. 13000 ehemals Linke-Wähler gingen gar nicht wählen. Resultat, die Linke scheitert an der Fünf-Prozent-Hürde. Vielleicht fanden auch die Niedersachsen nach den Nordrhein-Westfalen und den Schleswig-Holsteinern, die Partei habe es sich beim Thema Flüchtlinge doch zu leicht gemacht, wie die Fraktionschefin der Partei im Bundestag nach der Bundestagswahl öffentlich vermutete. Obwohl nur 34 Prozent der Befragten angaben, sich vor einer Überfremdung zu sorgen. 73 Prozent der Befragten meinen, die Linke Linke löse zwar keine Probleme, nenne die Dinge aber beim Namen. Mit dieser Zuschreibung muss sich auch die AfD auseinandersetzen.
Die einzig mögliche Koalition – eine SPD-geführte, wahrlich große Koalition, die 105 Stimmen im Landtag hätte – finden nur 27 Prozent der Wahlbeteiligten gut, nur 10 Prozent der CDU-Wähler, was ja auch irgendwie verständlich ist, aber immerhin 48 Prozent der SPD-Wähler. Dass große Koalitionen schlecht für das politische Klima seien, ist in den vergangenen Wochen mit Blick auf Berlin nun oft genug gesagt worden. Man muss dem Wähler nun beibringen, dass es nicht anders geht. Neuwahlen wären noch schlechter für das politische Klima.