Ein Hoch auf den guten choice architect

Er wolle das Preisgeld so irrational wie möglich ausgeben, versprach der diesjährige Preisträger des Ökonomie-Nobelpreises Richard Thaler. Das Zufallsprinzip ist eine von fünf Möglichkeiten, eine Ordnung zu schaffen, die er eingangs seines Buches „Nudge – Improving Decisions about Health, Wealth and Happyness“ (Ein Anstoß, wie man Entscheidungen über Gesundheit, Wohlstand und Glück verbessert) erwähnt. Das Buch, das im Zusammenhang mit der Ehrung verschiedentlich herausgestellt wurde, beschreibt unter anderem die mögliche Vorgehensweise, einer für die Schülerspeisung zuständigen Mitarbeiterein einer x-beliebigen amerikanischen Schulbehörde. Sie hatte mit ihrem statistikaffinen Lebensgefährten, der für eine Supermarktkette arbeitet sowie etlichen Freiwilligen in den Cafeterias sämtlicher Schulen verschiedene Arrangements der Speisen und Speisefolgen getestet und über die Erhebung der Zahlen herausgefunden, dass die Art der Darbietung beeinflusst, welche Suppe gewählt wird, welcher Hauptgang, welches Dessert. Die Frau – Menschen wie sie nennt Thaler Entscheidungsarchitekten, choice architects – kann Kinder beeinflussen, sie muss sie nicht einmal sehen. Hoch lebe die Statistik. Choice architects seien verantwortlich für die Umgebung, für die Umstände, unter denen Menschen Entscheidungen treffen. Sie geben Anstöße aber verbieten nicht. Nicht mehr, nicht weniger. Es sei ohnehin unmöglich Menschen nicht zu beeinflussen, so der Ökonom. Wir können eben nicht nicht kommunizieren. Schöne Größe vom Herrn Watzlawick.

Die erste Schlussfolgerung aus den Daten könnte sein: arrangiere die Speisen, um das Beste – alle Aspekte betrachtend – für die Schüler zu erreichen. Die Speisen könnten, zweitens, auch dem Zufallsprinzip folgend angeboten werden. Oder arrangiere, drittens, die Speisen so, dass die Kinder die Gerichte wählen, die sie auch von sich aus ausgesucht hätten. Doch Thaler weiß, in welcher Wirtschaftsumgebung er forscht. Deswegen zeigt er als vierte (sehr egoistische, wohl auch strafbewährte) Option auf: maximiere den Verkauf der Produkte der Lieferanten, die bereit sind, das meiste Schmiergeld anzubieten. Und fünftens: Maximiere den Gewinn. Punkt.

Thaler ist ein guter Mensch, vielleicht auch ein wenig zu optimistisch. Er lässt die von ihm beschriebene Behörden-Mitarbeiterin die Option wählen, die das Beste für die Schüler bewirken könnte. Doch es gibt genügend Beispiele, in denen die Entscheider sich für den Weg der rücksichtslosen Profitmaximierung entschieden haben. An der Spitze steht sicherlich der New Yorker Hedgefondsmanager, der, nachdem er eine Pharmafirma erworben hatte, den Preis je Tablette für ein Präparat gegen Toxoplasmose von 13,50 $ auf 750 $ anhob. Das Pharma-Unternehmen hatte zu dem Zeitpunkt für das mehr als sechs Jahrzehnte alte Präparat das Monopol inne.

Der Nobelpreisträger setzt sich von der Vorstellung ab, alle Marktteilnehmer, weil sie alle Kentnnisse über die Märkte erwerben können, könnten immer zum eigenen Vorteil handeln. Manchmal wissen sie doch nicht alles. Mitunter handelt der Mensch irrational, weil er „Human“ ist und kein „Econ“. Frauen kaufen Schuhe, in denen sie eigentlich nicht laufen können. Männer rüsten sich für Hobbies aus, für die sie eigentlich keine Zeit haben. Aktionäre stehen ausgerechnet auf das Wertpapier, das auf Jahre keine Dividende abgeworfen hat. Unternehmen kommen mit einem Produkt zu früh an den Markt, oder zu spät. Oder es gelingt ihnen nicht, unter Aufbietung der letzten finanziellen Möglichkeiten, gern auch mit staatlicher Beihilfe, ein Produkt, bis es Profit abwirft, billiger am Markt zu platzieren als die Konkurrenz. Andere Beispiele für irrationales Konsumentenverhalten werden angeführt. Falsches Essen, das Generationen von Fettleibigen nach Milliarden zählend bewirkt, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum. Gesetzgeber treffen bei verschieden Optionen für die Bürger nachteilige Entscheidungen.

Es sei eine falsch anzunehmen, dass fast alle Menschen zu fast jeder Zeit Entscheidungen fällen, die in ihrem besten Interesse sind oder die wenigstens besser sind als Entscheidungen von anderen. Falsche Annahmen, beständige Selbstüberschätzung auch Trägheit – was beachtlich ist bei Entscheidungen aufgrund von Nichtentscheiden – oder übertriebener Optimismus seien die Grundlage dafür. Übertriebener Optimismus sei bei Menschen in allen sozialen Schichten anzutreffen, weiß der Nobelpreisträger und er plädiert deshalb dafür, durch verantwortungsbewusste Gestaltung von Umständen für Entscheidungen, auch durch nicht sofort erkennbare Anstöße aus einem „libertarian Paternalismus“ heraus, dem Einzelnen die Entscheidungsfreiheit nicht abzunehmen, ihn aber sich letztendlich sich für das Beste für sich entscheiden zu lassen. Im Privaten wie auf gesellschaftlicher Ebene. Ein Hoch auf den guten choice architect.

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