Midas unterm Apfelbaum

Vom sagenhaften phrygischen König Midas wird berichtet, alles, was er berührte, wurde zu Gold. Ein Fluch, wie er rasch bemerkte. Die Art und Weise, wie ihm diese Fähigkeit zuteil wurde, ist weniger bekannt. Sie hält auch eine Moral bereit. Midas wollte so klug sein wie Sidenos, der Lehrer des Gottes Dionysos. Er überlistete Sidenos, fing ihn ein und erpresste von Dionysos für seine Freilassung die sagenhafte Fähigkeit, derer er sich rasch wieder entledigen wollte nachdem er sie hatte. Wie ihm das gelang ist eine andere Geschichte.

Irgendwie erinnert die gegenwärtige Debatte unter Linken und Grünen über den Begriff „Heimat“ an The Midas‘ Touch. Der Begriff habe in der Politik nichts zu suchen, er werde geradezu gefährlich, wenn er in der Politik Platz greife. Heimat schließe die aus, die nicht hier geboren seien, begründen die Heimatlosen ihre Position. Man strebe vielmehr nach einer solidarischen Gesellschaft. Heimat können nicht progressiv ausgefüllt werden. Heimat stört. Selbst wenn der Begriff nicht vordergründig ein politischer wäre, schon die Ablehnung von Teilen der Linke und Grünen macht ihn dazu, so, wie das, was Midas berührte, zu Gold wurde.

Einer Jenaer Linken, die nie bei den Jungen Pionieren war, treibt die Debatte das Kinderlied „Unsere Heimat“ von 1951 in den Sinn. „Oaaahhh“. Doch ihre Verortung des Begriffs in der stalinistischen DDR ignoriert die über 60 Jahre danach. Man kann das unhistorisch nennen. Die Thüringer Landtagsabgeordnete hätte auch den Heimatfilm der 50er Jahre als abschreckendes Beispiel anführen können, um den Begriff zu diskreditieren oder den Landarzt Dr. Brock aus dem Deutschen Fernsehen der 60er Jahre. Oder die Schwarzwaldklinik, oder, oder, oder. „Meine Heimat lass ich mir nicht streitig machen, schon gar nicht von Rechtsnationalisten, die Deutschland schon mal ruiniert haben“, hält ein Grüner dagegen. Und er macht damit auf die Kurzsichtigkeit der Ablehnung des Begriffs aufmerksam. Man kann sich ja über die Forderung nach einem Heimatministerium auf Bundesebene lustig machen und danach fragen, was ein derart benanntes Ministerium besser machen könnte als ein weniger fühlig benanntes Haus. Das aber vermag nicht den Fakt zu ändern, dass, lassen Linke und Grüne den Begriff auf der Straße liegen, er eben von Rechts aufgehoben wird. Verschwinden wird das Wort nicht. Das ist sicher.

Selbst wenn Gerechtigkeit bei der zurückliegenden Bundestagswahl ein wichtiges Thema war, werden Linke und Grüne bemerken, dass die Menschen mit Heimat mehr anfangen können, selbst wenn sie nur skizzieren könnten, was damit gemeint ist, als mit „solidarische Gesellschaft“. Wann würden sie die betreten und vor allem, wer würde ihnen verkünden, sie sei erreicht? Wie viele Erinnerungen können damit verbunden werden, wie viele Gefühle? Wie viele Tische und Stühle können dort im Sommer unter Apfelbäumen aufgestellt werden?

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