Das nennt man wohl ein rotes Deja-Vu. Unter die Ergebnisse der Wahl zum 19. Bundestag war noch nicht der Schlussstrich gezogen worden, da kündigte der SPD-Chef per sofort die Kooperation mit der Union auf. Alle verfassungsrechtlichen Gegebenheiten ignorierend, in die eine Noch-Regierungspartei bis zur Vereidigung der nächsten Regierung gestellt ist. Das erinnert doch sehr an den Abschied des Sozialdemokraten, der einer Absprache folgend, nicht mehr Präsident des EU-Parlamentes sein durfte, zugleich sein Mandat im wichtigsten europäischen Parlament wegwarf. Die Spitzenkandidatur seiner Partei für den Bundestag im Auge. Als er mit 100 Prozent der Stimmen zum Parteichef gewählt worden war und die Umfragewerte seiner Partei durch die Decke gingen, durfte er einen kurzen Moment glauben, ich könnte Bundeskanzler werden.
Die Bundestagswahl und das schlechteste Wahlergebnis für die traditionsreiche, stolze Partei später musste er zum vierten Mal in seiner kurzen Amtszeit von einem dramatischen Tag für die deutsche Sozialdemokratie sprechen und er verabschiedete sich und seine Partei für die 19. Wahlperiode auf die Oppositionsbank. Vielleicht auch für länger. Er versuchte, den überstürzten Entschluss dadurch zu adeln, dass er seiner Partei die Rolle zuwies, der zweistellig in den Bundestag eingezogenen AfD kräftig Paroli zu bieten – hat man das in den zurückliegenden Monaten nicht schon getan -, quasi als Opposition zu einer anderen Oppositionspartei aufzutreten. Neben sich die Linke als dritte Oppositionsparte, gegen die man sich beim Wähler ja auch erkennbar machen muss. Gutmütig könnte man das eine Sandwich-Stellung nennen. Realistisch betrachtet findet man die Sozialdemokratie ab sofort zwischen zwei Mühlsteinen.
Man stelle sich vor, wie die SPD in Opposition zur Jamaica-Koalition Positionen formuliert und die AfD triumphiert, wir sind schon da. Will die SPD sich dann immer erst daran abarbeiten, indem sie postuliert, dass die Blauen nur Fensterreden halten oder pöbeln. Unterscheidet sich ihre Position dann graduell von der der neuen Oppositionspartei oder diametral? Wäre das Gegenteil von Blau dann nicht ein rotes Anhängsel von Schwarz-Gelb-Grün? Oder anders herum, wäre das Gegenteil von Schwarz-Gelb-Grün dann nicht blau? Jeder SPD-Politiker müsste dann immer sagen: jetzt wenden wir uns gegen die Bundesregierung oder jetzt entlarven wir die zweitgrößte Oppositionspartei? Wie könnte man vier lange Jahre das für den Wähler als erfolgreiche Politik kenntlich machen und glauben, daran zu genesen?