Lügt das Fernsehen? Oder lügt es nicht? Mit Tata wurden jetzt die Sieger im „Sommerhaus der Stars“ gekürt. Nach mehreren Übertragungen errangen Nico S. und seine Freundin Saskia A. das Preisgeld, immerhin 50 000 Euro. Die, nebst Gagen für Auftritte in diversen TV-Sendungen im Trashformat, sollten für den Rest des Jahres reichen. Zwischen den beiden und dem Geld standen ein Hindernis-Parcours in einer verrranzten Industriehalle und ein kurzfristig auswendig zu lernendes vermeintliches Gedicht. Regelmäßige Konsumenten von TV-Reklame konnten schon beim ersten Vers den Werbesong für einen in Zellophan und zur Hälfte in unterschiedlich farbiges Stanniol verpackten Schoko-Riegel mit verschiedenen Füllungen erkennen. Danke, dass es das gab. Die Schleichwerbung dürfte dem Privatsender mehr als das Geld für die Siegprämie eingetragen haben. Nico, mittlerweile knapp vor seinen 40-ern, dessen Nachname im derben Deutsch der Benennung des männlichen Geschlechtsteiles entspricht, war so überwältigt vom Sieg, dass er Saskia einen Heiratsantrag machte. Vielleicht glaubte er auch, die beiden hätten mit den 50 000 eine genügend tragfähige Grundlage für eine Ehe.
Alles gefaket. Wer vom wie bestellt wirkenden Heiratsantrag zum raschen Umschalten veranlasst wurde, verpasste den Hinweis aus dem Off, die beiden seien mittlerweile getrennt. Die beiden haben Erfahrung mit Trennungen. Gut, den ersten Heiratsantrag hatte – ein wenig unüblich – das Playmate dem Fernsehdarsteller bereits im Februar gemacht. In der einschlägigen Presse konnte man darüber lesen. Einschließlich der Erinnerung daran, dass sich die beiden im September 2016 schon einmal getrennt hatten. Von On-Off-Beziehungen hat man ja schon gehört. Manche Teenager beginnen mit derartigen Beziehungen ihren Weg in das Sexualleben. Dann, im Frühsommer kamen halbherzig dementierte Hinweise auf eine neuerliche Trennung, Wochen vor der Ausstrahlung des Sommerhauses. Nico berichtete, allein mit seinem Sohn in den Urlaub zu fahren. Saskia erzählte von Terminen. Was lernen wir daraus? Das Fernsehen lebt von Inszenierungen. Es produziert seine eigenen Wirklichkeiten. Jeden Tag aufs Neue. Und, Fernsehen und die richtige Wirklichkeit, selbst wenn sie darin abgebildet wird, haben nur bedingt miteinander zu tun. Da gibt es Experten, die es vermögen, dem Leben eine auf den ersten Blick packende Dramaturgie zu geben, weil zum Zeitpunkt der Ausstrahlung des aufgezeichneten Lebens die Inszenierung es erfordert.
Was muss noch beachtet werden? Wenn zum Beispiel eine in der Schweiz lebende Spitzenkandidatin einer ekligen Partei zur Bundestagswahl, sich aus einer Diskussionssendung zurückzieht, nachdem ihr ein Bundesminister angriffslustig vorgehalten hat, sie sei ja auch ein Flüchtling, weil sie „aus der Schweiz nach Deutschland“ geflohen sei (sie merken, die Richtung ist nicht ganz präzise angegeben) und wenn ein Partei-Generalsekretär sie auffordert, sich von einem rechtsradikalen Parteimitglied zu distanzieren, offenkundig ignorierend, dass sie mehrmals dessen Ausschluss gefordert hat, weil sie dessen Äußerungen für parteischädigend hält, dann ist das auch eine Inszenierung. Man kann nicht oft genug darauf hinweisen. Aber die promovierte Spitzenkandidatin kann davon ausgehen, recht zu behalten, wenn sie denen, die auf den ihr willkommenen Eklat hingearbeitet haben, nachruft, „wir sehen uns am 24.9. wieder“. Die spannenden Geschichten schreibt halt immer noch das richtige Leben.