Elektroautos in Little Bombay

Wir schreiben das Jahr 2035. Petra Lehmann beneidet ihre alte Freundin Nancy Fuhlscheit-Pinkenkötter. Sie kennen sich seit Schulzeiten und die eine weiß um so manche Eskapade der anderen. Beste Freundinnen halt. Aber seit Nancy in das dröge Dorf 18 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernt gezogen ist, wollen sich die beiden kaum noch etwas sagen. Nancy hat Petra im Neubaugebiet mit 300 Wohnungen zurückgelassen. Nancy fährt einen schicken e-Prober S. Ihr Mann leaste den eine Nummer größeren e-Prober M. Geladen werden beide Autos über Nacht an der gut dimensionierten Ladestation am Einfamilienhaus. Die schimmert schön rot, wenn die Prober geladen werden. Sind deren Batterien nach drei Stunden voll, schimmert die Ladestation grün. Die Fuhlscheit-Pinkenkötters haben sich das Haus und sein Extra gezielt ausgesucht, weil sie in zwei verschiedene Richtungen zur Arbeit fahren und weil sie es sich leisten können. Auch der kräftige Elektro-Hausanschluss war ein Argument.

Petra Lehmann und ihr Mann hatten beim Kauf ihrer Wohnung vor 15 Jahren mehr die große Terrasse im Blick als Tiefgaragen-Stellplätze, die nur „unnötig“ Geld gekostet hätten. Die Plätze unter den Laternen tuen es doch auch, haben sie sich gesagt. Die Hypothek können sie gerade noch so finanzieren, wenn sie alle zwei Jahre den Urlaub mit den beiden Kindern auf Balkonien verbringen. Und für ewig ist’s ja auch nicht – die Kinder gehen ja mal aus dem Haus. Seit 5 Jahren gilt das Verbot des Verkaufs von Pkw mit Verbrennungsmotor. Mindestens das Auto Petra Lehmanns müsste ersetzt werden. Doch der Angestellten graut davor. Jeden Abend, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, sieht sie Elektroautos durch das Viertel fahren auf der Suche nach einer freien Ladestation. Sie hat schon von Nachbarn gehört, die sich Nachts um zwei Uhr den Wecker gestellt haben, weil die verbleibende Zeit ausreichen würde, um die Batterie geradeso für den Weg zur Arbeit zu laden. Pech, wenn der Nachbar sich nicht auch den Wecker gestellt hat, um den Stecker aus seinem Auto zu ziehen. Debatten am nächsten Tag sollen schon in Handgreiflichkeiten ausgeartet sein. Die Eigentümergemeinschaft hat das Thema schon oft erörtert. Ein einhelliger Beschluss, das Stromnetz aufzurüsten und wenigstens 50 weitere öffentliche Ladestationen installieren zu lassen, scheiterte jedesmal an den veranschlagten Kosten. Weil die Autos schnell geladen werden sollen, wurde der Blick jedesmal auf 22kW-Stationen gelenkt. Die wurden seinerzeit netto mit bis zu 5000 Euro veranschlagt. Da ist die Installation noch nicht dabei. Selbst ausgeklügelte Finanzierungsmodelle fanden keinen Gefallen. Zudem würde sich die Ladelage nur wenig entspannen. Glücklich die Menschen, die Urlaub haben und tagsüber die Batterien füllen können. Glücklich die Pensionäre. Billiger Nachtstrom ist halt beim Mangel an Lademöglichkeiten ein unbrauchbares Steuerinstrument. Die ganz dicken Dinger, die Tesla vor Jahren auf Autobahnrastplätzen oder an Hotels installieren ließ, wurden mit geflüsterten 40 000 € bis 75 000 € veranschlagt. An denen war ein auf Reserve gefahrenes Auto der Marke aber auch binnen zwanzig Minuten wieder halb voll „getankt“. aber wer fährt schon einen Tesla S mit Supercharger?

Der Hinweis auf die kommunalen Wohnungen fünf Autominuten entfernt ist da ein schwacher Trost. Etwa 5000 Menschen leben dort. Wer dort zur Miete wohnt, ist gut beraten, seinen Benziner, seinen Diesel zu pflegen. Etwa 500 Ladestationen würden den dringendsten Bedarf bedienen. Doch dafür reicht das Geld nicht und das Stromnetz ist zu schwach. Sechs vergleichbare Wohnviertel und einige kleinere gibt es in der Stadt. Die Stadt hat vor Jahren 10 Ladestationen errichten lassen. Damals eine zukunftsweisende Geste. Heute hängen Wartelisten aus. Die müssen präzise abgearbeitet werden. Wer nicht pünktlich erscheint, stellt sich wieder hinten an oder zieht ein Kabel aus seiner Wohnung bis zum Stellplatz seines Autos. Wegen der frei herum hängenden Kabel nennt man das Viertel schon seit einiger Zeit Little Bombay.

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