„#Sexismus ist es übrigens auch wenn kurze Hosen im #plenumth ein Problem sind, kurze Röcke aber völlig in Ordnung. #stillneedfeminism“ twitterte am 17. August die grüne Landtagsabgeordnete MH. Der Tweet bekam 50 Likes und wurde 21 mal weitergeleitet. Ein Grundsatz-Problem des Thüringer Parlamentarismus schien formuliert.
„Ich finde beides unangemessen. Ebenso aber auch, wenn jemand mit T-Shirts und anderen Kinderkram glaubt bzw. meint, seine Meinung zu äußern“, echote es. Und aus der Linke-Fraktion twitterte jemand: „Zu dem „Kinderkram“ zählen dann aber auch Fraktionskrawatten und Hemden mit Parteiemblem, ne?“ Mit „Wir werden darüber reden müssen, warum kurze Röcke ok, kurze Hosen (m) im #plenumTH aber tabu sein sollen – aber alles zu seiner Zeit 🙄“, trug MHs Fraktionskollegin ARB damals zur anfänglichen Erörterung des wichtigen Themas bei.
13 Tage später war die Zeit gekommen. Ein Grünen-Fraktionsmitarbeiter zeigte sich zur ersten Sitzung nach der Sommerpause in Hotpants, weißen Socken mit je einem roten Kringel und sehr buntem Hemd am Rande des Plenarsaals auf den Plätzen der Fraktionsreferenten. An Zufall soll angesichts der Ankündigung der Abgeordneten ARB glauben, wer will. Der Landtagspräsident unterbrach die Sitzung, rief den Ältestenrat zusammen, um über Bekleidungsfragen und die Würde des Parlaments zu beratschlagen. Die Meinungen darüber, was geht und was nicht, dürften mindestens zwischen Vorstand und den die Regierung tragenden Fraktionen geteilt gewesen sein. Denn der Landtagspräsident erklärte nach dem Treffen, er und seine beiden Stellvertreter von der Linken und der SPD hätten zur Wahrung der Würde des Hohen Hauses befunden, kurze Hosen bei Männern im Plenum gingen gar nicht. Die leicht angeschmuddelten weißen Socken des Grünen-Angestellten erwähnte er nicht. Auch beantwortete er die feministische Fragestellung nicht, warum bei Frauen möglich sei, was bei Männern unmöglich sei. Was die übrigen Mitglieder des Ältestenrates befanden, erwähnte er ebenfalls nicht.
Als die Grünen in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Bundestag eingezogen waren, machten die Abgeordneten selbst ob ihrer Kleiderordnung von sich reden. Ich sage nur: Fischer, Lederjacke, Turnschuhe. Im Thüringen des 21. Jahrhunderts überlässt man das Skandälchen einem Fraktionsmitarbeiter. Rufen wir zusammen den männlichen Abgeordneten von r2g zu: „traut euch, kommt in Hotpants zur nächsten Plenarsitzung, selbst wenn das Leben für euch entschieden hat, dass sich der Gürtel unterhalb der Plautze platziert. Nieder mit der Diktatur des guten Geschmacks, ziviler Ungehorsam, Freiheit!“
„Lieber #kurzehosen als Hass und Hetze am Pult. Unsere Mitarbeiter*innen kleiden sich so wie wollen. Über Ästhetik mancher Anzüge sag ich nix“, erhob die Abgeordnete ARB die Debatte um pure Stilfragen und die Würde des Parlamentes in politische Höhen und signalisierte entschiedenen Widerstand. Diverse weibliche Abgeordnete der Linken trugen knapp über den Knien abgeschnittene Hosen. Nonverbal sekundierte ARB auch der Linken-Innenexperten SD, der in Sandalen (ohne weiße Socken, welch ein Segen) im Plenum über Grundsätzliches und die Gefahr von Rechts redete.
Ein schwacher Trost, die Frage, ob barfuß in Sandalen, weiße Socken zu Hotpants für Männer gehen oder nicht, erübrigt sich spätestens, wenn es wieder kalt wird. Selbst dann noch könnte eine Abgeordnete einen Rock tragen, der den Vergleich mit den Beinkleidern des Anstoßes standhielte. Doch frag ich mich (Achtung, Sexismus und eventuelles Fremdschämen), welche Abgeordnete dafür in Frage käme. Twiggy hätte im Thüringer Landtag noch eine Premiere vor sich.