Der Herrenberg: Rechts ist, wo links ist

Feldforscher des Göttinger Institutes für Demokratieforschung suchten für die Ostbeauftragte der Bundesregierung unter anderem auch im Erfurter Wohngebiet Herrenberg nach den Ursachen für die bei den dort Lebenden festgestellte vorherrschende rechte Gesinnung. Beim Betreten des Expeditionsgebietes wurde der Wissenschaftler gleich in die richtige Stimmung versetzt. An einem kleinen Durchgang, so schildert er in der Studie, steht „ein junger Mann, vielleicht 26, 27 Jahre alt. Er schaut herüber, der Forscher schaut zurück und blickt in Kontaktlinsen, die ein schwarzes Reptilienauge mimen. Sein Gesicht ist um die Mundpartie gepierct und er trägt ein schwarzes Cap mit eingeknicktem Schirm. Die Kleidung ist komplett in Schwarz gehalten – sowohl die weite Hose als auch die dicken Sneakers sowie das T-Shirt. Nur einen Farbtupfer gibt es: „White Power!“ prangt schräg auf der Brust, passend dazu die Tattoos, eine „88“ und Haken, deren Zusammensetzung man nicht genau erkennen kann. Jenseits des Durchganges kann sich nur Unerhörtes tun. 
Der Forscher findet ein „Problemviertel“ mit 7937 Einwohnern. In dem werde zwar mehrheitlich rechts gedacht, doch wurde dort bei der jüngsten Landtagswahl 2014 ein Linke-Politiker in den Landtag gewählt. Auf dieses Paradoxon macht Studie aufmerksam: „Lockte diese klare Konstellation schon in Erfurt insgesamt nur 54,8 Prozent der WählerInnen an die Wahlurnen, so waren es auf dem Herrenberg lediglich 31,9 Prozent. Kam DIE LINKE in Erfurt auf 33,5 Prozent, so entfiel auf dem Herrenberg nahezu jede zweite abgegebene Wahlkreisstimme (48,0 Prozent) auf DIE LINKE, während die NPD zugleich 6,2 Prozent der Stimmen erringen konnte (gegenüber 3,5 Prozent im gesamten Stadtgebiet). Somit stellt DIE LINKE mit André Blechschmidt den Wahlkreisabgeordneten des Wahlkreises 27 (Erfurt IV), während auch die NPD mit David Ammon ein Mitglied in den Ortsrat entsendet hat.“ Blechschmidt wurde das zweite mal in Folge direkt gewählt. Bereits bei der Landtagswahl zehn Jahre zuvor hatte die damalige PDS den Wahlkreis der CDU „abgenommen“. Man könnte also vermuten, der Herrenberg bildet mit dem Wiesenhügel zugleich auch eine PDS/Linke-Hochburg. Die Linke errang 2014 35,7 Prozent der Zweitstimmen. Die Partei konnte damit gegenüber 2010 sogar um 3,5 Prozent zulegen. Die NPD kam auf 2,9 Prozent. Sie verlor 1,1 Prozent. Was dem Auftreten der AfD geschuldet sein dürfte. Die erhielt 9,3 Prozent. Der linke Kandididat erhielt nicht gleichmäßig über die Urnenwahlbezorke im Wahlkreis verteilt seine Stimmen. „Regional betrachtet gewinnt Herr A. Blechschmidt, DIE LINKE, die Majorität in allen Urnenwahlbezirken der drei Plattenbaustadtteile Melchendorf, Wiesenhügel und Herrenberg und den Großteil der Wahlbezirke des städtischen Stadteils Daberstedt, wird in Heft 89 der Erfurter Statistik vermerkt. Dabei erringt er in mehreren Wahlbezirken auf dem Herrenberg wie auf dem benachbarten Wiesenhügel mehr als 50 Prozent der abgegeben Stimmen. Auf dem Herrenberg errang die Linke fast 45 Prozent der abgegebenen Zweitstimmen. Und während die Wahlbeteiligung im Wahlkreis um 4,6 Prozentpunkte auf 54,6 Prozent zurückgegangenes, vermerken die Wahlstatistiker zum Wahlkreis, bewirkt dieser Rückgang, „dass der Anteil der Landesstimmen bei der CDU um 1,0 Prozentpunkte und bei der Partei DIE LINKE um 3,5 Prozentpunkte angestiegen ist“. 
Dem Paradoxon wird nicht nachgegangen. Dabei wäre die Frage doch interessant, wie in einer von Rechten geprägten Umgebung, einem, wie in der Studie ausgebreitet wird, perspektivlosen Stadtteil, Linke seit der Jahrtausendwende beim Wähler Erfolg haben. „Die Wahlkreisbewerber der Partei DIE LINKE konnten seit 1999 stets etwa 7200 Wähler motivieren, ihre Stimme damit zu vergeben“, registrierten die Statistiker. Abseits von Kammwegklause, Volksgemeinschaft e.V. und rechten Kümmerern und Indoktrinierern muss es noch etwas anderes auf dem Herrenberg geben. 

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