Unter der Narrenkappe

Es ist für uns eine Zeit angekommen, da Menschen sich in zunehmender Zahl Narrenkappen auf den Kopf stülpen. Mancher meint, so würden alle Menschen gleicher. Selbst Politiker  machen mit,  die den Rest des Jahres im Ruf stehen, sie gingen zum Lachen in den Keller. Und manche reisen Parteifreunden an abgelegene Orte hinterher, an denen sich Politiker anderer Parteien – auch mit Narrenkappe – traditionell unter das Volk mischen werden. Dann knippsen sie sich dort mit Narrenkappe vorm Spiegel und platzieren die Fotos im Internet. „Schaut auf mich“, soll das wohl heißen, „ich kann auch Narr!“ Das muss wichtig sein, sonst würden solche Bilder nicht immer und immer wieder gepostet. Manches  wird von Leuten aus der zweiten oder dritten Reihe mit Sprüchen versehen wie: „Unser MP kann wirklich alles tragen“. Ob es Ironie ist, ob es Ernst ist, wer kann das sagen? Dem derart Gepriesenen gefällt das auf alle Fälle. Er wird derzeit ja sogar vom größeren Koalitionspartner gezauselt. So retweetet er die Eloge. Dieser Teil des Internets hätte Väterchen Stalin wohl gefallen. 
Der schönere  Teil der Geschichte aber ist, dass der Bundestagsabgeordnete GG in einen Orden – wohl den unter Narren prominentesten – aufgenommen wurde. Wie beachtenswert das ist, zeigt der Wunsch des neuen Ritters, dass es nicht weitere 100 Jahre dauern möge, bis  ein weiterer Linker aufgenomen  werde. Es gab viel Beifall – für politische Statements – und auch Gelächter – für Schmonzetten aus dem Leben eines Anwalts in der Rede aus dem Käfig. GG  hat die Sympathien erobert, keine Frage. Wer aber hat ihm  dazu geraten, einen vorgeblichen Witz über sich zu kolportieren, in dem er seine schwierige Lage als PDS-Mitbegründer zum  Beginn der 90er Jahre persiflierte. Am Müggelsee stehend, so geht der Witz in aller Kürze, seine Glaubwürdigkeit als Politiker in Frage stellend, habe er Jesus um ein Wunder gebeten. Der forderte ihn auf, über das Wasser zu gehen. Kommentar der Umstehenden und Pointe: „Was denn, schwimmen kann er auch nicht?“
Der Witz wurde schon 1990 in der Erfurter „Hohen Lilie“ erzählt, während des langen Wartens auf ein Interview,  von einem Mainzer Journalisten. Nur war nicht GG Ziel des Spotts, sondern der damalige Kanzler, der ja zuvor auch mal Regierungschef in Mainz war,  und der gerade auf den Domstufen eine Rede gehalten hatte, die als Versprechen blühender Landschaften im Osten Deutschlands in die Geschichte eingehen sollte. Der dabei stehende Kanzlersprecher machte ein säuerliches Gesicht. Irgendwie hatte der Schöpfer des Witzes ein Gefühl für Größe. Dass der Kanzler über das Wasser gehen würde, wurde in der ursprünglichen Variante per Plakat an einem Baum am See Genezareth bekannt gemacht. Jesus wurde in dem Kanzlerwitz nicht bemüht. 

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