Am Tag der Wahl

Was tut ein Mann, wenn er steht? Er steht. Er läuft nicht herum, er muss nicht einmal etwas sagen. Nur stehen, wie ein Denkmal. Er kann aber durchaus etwas darstellen, wie so gesagt wird. Was tut ein Mann, wenn er für etwas steht anderes, als stehen? 
Die Linke warb noch am Tag der Wahl des 16. Bundespräsidenten wie in den Wochen zuvor, ihr Kandidat stehe für soziale Gerechtigkeit von der der Kanzlerkandidat der SPD nur spreche. Und auch der Kandidat selbst wies unmittelbar vor der Bundesversammlung noch einmal auf diesen vermeintlichen Unterschied hin. Es ist nicht zu übersehen, da wurde die Bundespräsidentenwahl mit der Bundestagswahl vermengt, die aber erst im September stattfinden wird. 
Schon die Vergleichsebene ist nicht stimmig – hier das Schloss Bellevue, da das Bundeskanzleramt. Und auch die Frage, wie viel soziale Gerechtigkeit mit den durchaus beachtlichen Werken des Armutsforschers Butterwegge geschaffen worden sei, könnte nicht zur Zufriedenheit der Betroffenen beantwortet werden. Man habe einen Kandidaten mit einem Thema präsentieren wollen, hieß es von der Linken im Reichstag. Während der Suche nach einem eigenen Kandidaten hatte die Partei dem Mehrheitskandidaten von SPD, Union, Grünen und auch FDP schon das Thema soziale Ungerechtigkeit angeheftet. Steinmeier stehe als seinerzeitiger Kanzleramtschef Gerhard Schröders dafür, weil er zu den maßgeblichen Architekten der Agenda 2010 gehöre. So begründeten linke Spitzenpolitiker, ihn nicht als eigenen Kandidaten ansehen zu können. Am Tag der Wahl hieß es noch einmal, Solidarität sei das Zeichen, das gesetzt werden solle. Da drängt sich schon die Frage auf,  ob es nicht solidarisch ist, wenn die, die Steuern abführen damit den Anspruch auf die verfassungsrechtlich und gesetzlich begründete Alimentierung finanzieren. In welcher Höhe Hartz IV anzusetzen sei, um als angemessen zu gelten, darüber kann diskutiert werden. Wie wenig es sein sollte, um dem Anspruch, zu fördern und zu fordern noch gerecht zu werden, und um aus den einschlägigen Bestimmungen keine soziale Hängematte werden zu lassen, darüber kann gestritten werden. Keiner soll jedoch versuchen, den Eindruck zu erwecken,  die Gemeinschaft der Steuerzahler sei nicht solidarisch.
Seien wir gespannt, wann die Linke dem neuen Bundespräsidenten, der nicht ihr Kandidat war, das erste mal „voll inhaltlich“ zustimmt. 

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