Das Amt kommt zum Mann, lautet ein Satz aus der Kandidatenlehre für den erfolgreichen Politiker gleich welcher Partei. Soll heißen, drängle dich nicht allzu offensichtlich danach, etwas zu werden. Gib deinen Parteifreunden das Gefühl, sich einen Gefallen zu tun, sich zu ehren, indem sie dir das Amt antragen. Nach diesem Lehrsatz zu handeln, ist umso wichtiger, je weniger Ämter einer Art es gibt. Manchen ereilt die Gelegenheit nie, anderen dieses schöne Gefühl zu geben.
Martin Schulz gehört nicht zu dieser Gruppe von Politikern. Binnen reichlich zweieinhalb Jahren wird ihm nun das zweite Mal eine Spitzenkandidatur angetragen. Nach der des Kandidaten der europäischen Sozialdemokraten für den EU-Kommissionspräsidenten – was eine Farce war – soll er jetzt SPD-Kanzlerkandidat für die Wahl am 24. September werden. Kommissionspräsident wurde Schulz bekanntermaßen nicht, er unterlag dem ebenfalls europaweit als Spitzenkandidat ausgelobten, als solcher aber nicht überall wählbaren Jean-Claude Juncker. Aber immerhin wurde Schulz als EU-Parlamentarier gewählt und danach mit den Konservativen Junckers als Präsident des Europaparlaments abgesprochen, festgehalten in wenigen Zeilen. Das ist ja auch ein einflussreiches Amt. Nachdem er nicht mehr länger Parlamentspräsident sein durfte, wollte Schulz auch nicht mehr Europaparlamentarier sein. Man muss diese Alles-oder-nichts-Attitüde gegenüber einem, wie es immer wieder heißt, äußerst wichtigen Wahlamt auf europäischer Ebene nicht gutheißen. Man muss sie nicht einmal verstehen. Der Schritt zur rechten Zeit war aber wichtig, um in eine aussichtsreiche Position für die neue Spitzenkandidatur zu kommen. Das fiel wohl leicht angesichts eines SPD-Chefs, der zwar einen Bundespräsidenten machen kann, doch im Wahlkampf nicht voran marschieren will. Der wird jetzt für wenige Monate Außenminister und danach, was wohl? Was wurde aus dem 1994er-Drittelspitzenkandidaten und SPD-Vorsitzenden Rudolf Scharping? Seit zwölf Jahren ist der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer? Kann sich jemand an den SPD-Spitzenkandidaten von 2013 erinnern? Der war immerhin mal Bundesfinanzminister.Welches Hobby hat eigentlich Sigmar Gabriel?
Und eine dritte Spitzenkandidatur erwartet Schulz – die auf der SPD-Landesliste in Nordrhein-Westfalen. Auch schon abgesprochen, noch bevor die Delegierten darüber befinden konnten. Das bringt ihn binnen weniger Monate mit Sicherheit aus einem Parlament in ein anderes. Bringt es ihn ins Kanzleramt? Dazu müsste die SPD stärkste Kraft im Bundestag werden. Wie soll das geschehen, wenn selbst der, der die Partei derzeit führt, sich das nicht zutraut. Und ob es für Rot-Rot-Grün reichen wird? Befragt die Götter nicht.