Maßstab ist schuld

Der journalistischen Grundsatz, eine Falschmeldung hast du zwei mal exklusiv, wenn du sie absetzt und wenn du sie dementierst, scheint nicht mehr zu gelten. Noch als die Nähe zwischen dem mutmaßlichen Rechtsterroristen Böhnhardt und dem 15 Jahre zurückliegenden Mordfall Peggy nur mit einem Gliedermaßstab der Tatortgruppe des LKA Thüringen bemessen werden konnte, sprach eine große öffentlich-rechtliche Nachrichtensendung in ihrem Online-Auftritt von „DNA-Spuren von Uwe Böhnhardt am Leichnam der getöteten Schülerin Peggy“. Schaurig. Als habe der Terrorist noch einmal neben dem Skelett gelegen, bevor er sich in einem Wohnmobil bei Eisenach der Verantwortung durch Kopfschuss entzog. 

Mit ähnlich lautenden Meldungen war aufsehenerregend Mitte des Monats die Verbindung zwischen beiden Kriminalfällen hergestellt worden. Ohne dass geklärt war, wie die Böhnhardt-Spur an den Tatort gelangt sein könnte, gab es Pressekonferenzen von Ministern, Statements von Politikern vor Kameras und Mikrofonen, von Kriminalpolizisten und deren höchsten Vorgesetzten. Am Ende hieß es, die DNA-Spur sei auf einem fingernagelgroßen Stofffetzen gesichert worden. Spurenübertragungen im untersuchenden Labor wurden ausgeschlossen. Doch nichts Genaues wusste man nicht. Journalisten fragten dennoch, muss die Geschichte des Terrornetzwerks NSU umgeschrieben werden. Mancher Politiker echote. Was blieb ihm anderes übrig angesichts der Monströsität, Mörder und noch dazu Kinderschänder.

Kommentare sind frei, doch Fakten sind heilig. Fakten aber gab es nicht, allenfalls Spekulationen. Und so wurde mancher Bericht zum Sachverhalt mit doppelten Konjunktiven gespickt: „Es könnte ja sein, dass die Möglichkeit besteht, dass…“ Spekulationen sollten glaubwürdiger erscheinen. War das noch nüchterner – gemeint ist nicht langweiliger – Journalismus der Fakten vor Lesern und Zuschauern ausbreitet und der sich nicht an dem orientiert, was man gern hätte oder was sich am ehesten verkaufen lässt?

 Nun also lässt sich mit einem Gliedermaßstab der Weg zurück in die wirkliche Realität des NSU-Komplexes bemessen. Und Peggys Mutter weiß noch immer nicht, wer ihre Tochter ermordet hat. Wie die langen 15 Jahre zuvor.

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