Geistige Konterbande

Vor 27 Jahren war der 7. Oktober zum letzten Mal ein Feiertag – Nationalfeiertag der DDR. Die DDR-Führung, wir erinnern uns, reklamierte lange Zeit für  die DDR, eine eigene Nation zu sein und wehrte sich gegen den bundesdeutschen Anspruch der deutschen Nation im geteilten Deutschland.

Vor vier Tagen, zum Tag der Deutschen Einheit, schmuggelte Sachsens Ministerpräsident in seine Dresdener Rede ein kleines Stück geistiger Konterbande. Er zitierte –  von seinem Manuskript abweichend – einen Vers aus der Trümmer-Hymne: „Deutschland, einig Vaterland“.  Er handelte sich damit in der  „Zeit-Online“ den Vorwurf ein, das sei an die „alten SED-Betonköpfe adressiert“. Da wurde wohl etwas missverstanden, falsch gelernt oder man hat etwas falsch erzählt bekommen. Allenfalls wandte sich der Redner an die in der DDR erwachsen Gewordenen.

Die Mehrzahl der Ostdeutschen sah sich nicht als Angehörige einer eigenständigen Nation. Dass auf dem Gebiet der DDR eine Nation entstanden sei, war bloß das  ceterum censeo der Partei- und Staatsführung. Und die Behauptung ist keine 40 Jahre alt geworden. Schon die DDR-Gründung machte sich nicht am Begriff der DDR-Nation fest. „Deutschland ist eine unteilbare demokratische Republik; sie baut sich auf den deutschen Ländern auf“, heißt es in Artikel 1 der 49-er DDR-Verfassung. „Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat deutscher Nation“, heißt es noch in Artikel 1 der 68-er Verfassung. Ohne langen Bestand. 1974 verschwindet das Deutsche aus Artikel 1.

Ja, es gab eine Nationalhymne, die intoniert, nicht aber gesungen wurde. Das „Deutschland, einig Vaterland“ aus Hunderten, gegebenfalls Tausenden von Kehlen passte dann doch nicht mehr in die mittlere und späte SED-Zeit. (Auf die Hanns-Eisler-Melodie kann man den Text des Deutschlandliedes singen.) Alljährlich zum Nationalfeiertag wurde der Nationalpreis der DDR in verschiedenen Kategorien verliehen. Es gab die Nationale Front, Nationalmanschaften. Nur, alle Behauptungen und Versprechungen und aller Druck brachten das DDR-Nationalbewusstsein nicht in die Köpfe der Menschen. Wem kann man einreden, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Onkel, Tanten, Cousins oder Cousinen seien Angehörige einer anderen Nation. Staatsbürger eines anderen Staates durchaus, nicht aber Angehörige einer anderen Nation. SED- und Staatsführung hätten einen Teil ihrer historischen Mission als erfüllt angesehen, wenn der Stasi-Chef hätte berichten können, selbst der letzte Staatsfeind fühlt sich zur Nation der DDR gehörig.

So betrachtet, ist die DDR nicht einmal mit einer Lebenslüge ihrer politischen Führer untergegangen. Während sich der Satz die deutsche Wiedervereinigung sei eine Lebenslüge vor 26-Jahren als Falschbehauptung, mindestens als Fehleinschätzung erwiesen hat. Und das ist gut so.

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