Mindestens schäbig

Lernen Politikerinnen nicht durch Beispiel? Verfügen sie nicht über die Gabe, die selbst kleine Mädchen besitzen?
Genau das Antwortmuster, das AfD-Chefin Frauke Petry jetzt auf eine Frage des Stern für angemessen hielt, stoppte  im Juli die britische Konservative Andrea Leadsome auf ihrem Weg ins Amt des Premierministers. In einem Interview mit der Times, meinte sie herausstreichen zu müssen, dass die Kinderlosigkeit ihre Kontrahentin Theresa May zur schlechteren Premierministerin machen würde. Es folgte ein bedauernswerter, aggressiver Versuch eines Dementis. Doch Leadsome war aus dem Rennen. Theresa May wurde danach mangels Bewerbern von den Konservativen quasi per Aklamation zur Premierministerin ausgerufen.

Nach dieser Episode in einer für die Briten schwierigen Zeit hätte man vermuten können Leadsomes Ungeschicklichkeit –  vielleicht war es auch Rücksichtslosigkeit – wirke abschreckend. Nicht so in Deutschland, nicht so bei der AfD. Deren Vorsitzende behauptete, die Kinderlosigkeit der Kanzlerin sei einer der Gründe für deren falsche Politik. „Kinder veranlassen einen, über den Lebenshorizont hinaus zu sehen. Und das tut Merkel eben nicht“. Für diesen Satz wird sich Petry noch entschuldigen müssen, wenn er auch ihrem Weltbild entspringt.
Man muss ja nicht mit Merkels Politik einverstanden sein. Man kann sie ja wegen ihrer Politik hart angreifen. Man kann ja auch einen anderen Lebensentwurf für sich gefunden habend. Man muss Merkel nicht einmal mögen. Doch einer Frau vorzuwerfen, sie sei aus welchen Gründen auch immer kinderlos – und mithin verantwortungslos – ist mindestens schäbig. Niemand sollte sich dünken, vier Kinder machten ihn zum besseren Politiker. Achtung, jetzt kommt eine ganz spitze Frage: Joseph Goebbels hatte sechs Kinder. Würde Frau Petry ihn für einen Politiker erachten mit schärferem Blick über den Lebenshorizont als Adolf Hitler, der nur einen Schäferhund hatte und nur einen Hoden?
Andrea Leadsome hat es zumindest noch an den Kabinettstisch in London geschafft.

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