Mehrmals in der Woche kommt zu meiner Mutter eine Mitarbeiterin eines Pflegedienstes. Sie erledigt mit ihr die Morgentoilette. Danach wird sie von einem anderen Mitarbeiter in die Tagespflege gefahren. Meine Mutter ist mit dieser Art Betreuung sehr zufrieden. Die Frauen sind nett. Das Essen schmeckt, die Gesellschaft Gleichaltriger ist abwechslungsreich. Ihre Zipperlein kann sie relativieren, es gibt Männer und Frauen, die gebrechlicher sind als die fast 88-Jährige Badenserin. Die Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes wechseln in unregelmäßigen Abständen, was mit dem Dienstplan zu tun haben mag, aber wohl mehr mit der Fluktuation der Helferinnen. Die Zeiten sind lange vorbei, als mir meine Mutter erzählte, dass zu ihr eine Zeit lang ein Pfleger kam, der ein Ehepaar in seinem Urlaub auf dessen Reisen betreute. Wenn meine Mutter vermutet, der häufige Wechsel ihrer „Waschfrauen“ habe wohl mit der Bezahlung zu tun, frage ich sie ein wenig sophistisch, was man – bei aller angemessenen Wertschätzung der nicht einfachen Arbeit – einer Frau als Gehalt gewähren sollte, die tagtäglich andere Frauen oder Männer wäscht.
Ich habe ihr vor kurzem Zahlen aus einer ausführlichen Studie des Bundesgesundheitsministeriums genannt. Laut dem Papier von 2015 betrug der Medianwert des Einkommens für Altenpflege-Helferinnen in Thüringen 1446 Euro brutto. Der Median ist der Wert, unterhalb und oberhalb dessen gleichviel Pflegerinnen liegen. Ich habe meine Mutter in dem Glauben gelassen, es sei der Durchschnittsverdienst. Was sie sofort erwiderte: „Dann muss es ja Frauen geben, die noch weniger bekommen.“ Der Vergleichswert für Westdeutschland lag 2013 bei 1855 Euro. Der deutschlandweite Wert betrug 1741 Euro. Bei einem Umzug nach Nordrhein-Westfalen könnte eine Helferin statistisch das Gehalt um etwa 600 Euro aufbessern. Aber statistisch kann man bekanntermaßen nicht umziehen. Für teilzeitbeschäftigte Frauen sieht es noch schlechter aus. 1246 Euro wurden für sie als Bezugsgröße angegeben. Eine aktuellere, weniger ausführliche Statistik weist für Altenpflege-Helferinnen in Ostdeutschland 1495 Euro als Durchschnittsverdienst aus.
Bei einem Anteil von Teilzeitbeschäftigungen unter Altenpflege-Helfern in Ostdeutschland von fast 76 Prozent und Wochenstundenzeiten im Teilzeitbereich von etwa 26 Stunden könnte man behaupten, dafür sei das Gehalt angemessen. Doch gab etwa ein Fünftel der Befragten an, eine Vollzeittätigkeit sei nicht zu finden gewesen. Man kann vermutlich den Anteil derer, die mit ihren Einkünften unzufrieden sind, gleich hoch ansetzen.
Nun fordert die Linke, einen Mindestlohn in der Pflege von 14,50 Euro. Perspektivisch dürften nicht weniger als 3000 Euro monatlich gezahlt werden. Im Wahlprogramm kümmerte sich die Partei mit dieser Forderung noch um Pflegefachkräfte. Perspektivisch? Sofort, meinte meine Mutter voller Dankbarkeit für die Frauen, die zu ihr kommen. Das wären gemessen an den Zahlen von 2013 in den neuen Ländern perspektivisch eine Verdopplung der Bezüge für Helferinnen. Die Antwort der Chefin des privaten Pflegedienstes meiner Mutter kann ich mir ausmalen. Wie sie würden auch großen Pflegedienste die Forderung zurückweisen, zumindest würden sie sagen, wir würden ja mehr zahlen und auf die Pflegeversicherung weisen. Und die würde sagen, wir würden ja höhere Pflegesätze zahlen können, wenn, ja wenn die Beiträge zur Pflegeversicherung entsprechend angehoben würden. Selbst bei jährlichen Steigerungen von illusorischen 5 Prozent würde es, laienhaft überschlagen, weit mehr als ein Dutzend Jahre dauern, bis die Zielvorgabe ereicht wäre. Den Zeitraum selbst auf 20 Jahre strecken zu wollen, erscheint auch noch wie eine Phantasmagorie. Der Wahlkampf ist offenbar nicht vorbei.