Das Neue begann mit Verspätung. 10 Minuten. Also nicht das Neue an sich, sondern die Debatte darum, wie das Neue zu erreichen sei. Das Institut solidarische Moderne – ein rot-rot-grüner Think Tank – hatte am Vorabend seiner Mitgliederversammlung zur Debatte ins Erfurter Haus Dacheröden geladen und es kamen erwartungsgemäß Anhänger von Rot-Rot-Grün. Der Chef der Erfurter Staatskanzlei, die Grüne Bundessprecherin aus dem Saarland, die Juso-Landesvorsitzende aus Berlin und diverse Anhänger und Mandatsträger der drei Parteien. Nach länglichen Einführungen aus dem Podium unter anderem über die Vorteile einer Dreier-Koalition gegenüber einer mit nur zwei Partnern, zu Startschwierigkeiten der SPD-geführten Koalition Berlin und dass Jamaika in Saarbrücken gar nicht gehen konnte, sollte diskutiert werden, konnten Erklärungen abgegeben werden, aber nicht länger als drei Minuten.
Aber es wurde nicht diskutiert, allenfalls miteinander geredet. Die kritischsten Anmerkungen waren der Verweis auf die derzeit erhobenen Stimmverhältnisse, die Rot-Rot-Grün ohne Mehrheit sehen und der Hinweis, dass es für eine Koalition mit der SPD kaum Anknüpfungspunkte gebe. Das meiste hörte sich an wie Selbstbestätigung, gar wie Autosuggestion. Da wurde errechnet, wie viele Menschen seit dem Herbst 2015 sich für Flüchtlinge engagiert haben. 8 Millionen, 10 Millionen wurden gezählt. Und man machte sich Gedanken darüber, wie sie für Rot-Rot-Grün zu gewinnen seien. Als wäre Menschlichkeit ein Charakterzug ausschließlich von denen, die in ein neues Deutschlands streben und nicht auch anzutreffen bei Wählern, die sich viel lieber als konservativ oder liberal beschreiben würden. Kein nüchterner Verweis aus dem Teilnehmerkreis auf diesen Umstand, was man ja hätte erwarten können.
Das Institut will mit zwei Papieren den Meinungsaustausch innerhalb der drei Parteien vorantreiben. Eines davon heißt „Neu beginnen Das Unmögliche versuchen“. Von den Erfurter Organisatoren wurde der Titel gelegentlich der Einladung zu der Veranstaltung zu „Demokratie neu beginnen“ erweitert. Was mit der „alten“ Demokratie geschehen soll und wie sie zu beenden sein, wird ebensowenig gesagt, wie erklärt wird, warum am Neubeginn eine juvenile Mènage á trois in einer Badewanne gewagt werden sollte, wie das laszive Foto auf der Titelseite suggeriert. Auch dazu gab es keine Diskussion unter frauenbewegten Teilnehmerinnen.